Von Breslau kamen er und seine Familie nach München: Hier entdeckte Stefan Erler (1944-2025) seine Liebe zum Tanz. © Hösl
Er hat sich am 16. August für immer verabschiedet, Stefan Erler, Jahrgang 1944. Ein Nachkriegskind. Mit seinem Bruder, den Eltern – der Vater bildender Künstler – vom schlesischen Breslau nach München verschlagen. Und hier, an der Bayerischen Staatsoper, hat er seine Liebe für den Tanz – ja, voll ausgelebt. Kinderballett, Elevenklasse, Ensemblemitglied, schließlich Solist unter John Cranko, als der 1968 bis 1970 Ballettchef in München wurde.
Crankos Nachfolger, der Brite Ronald Hynd, überlässt während seiner Münchner Zeit von 1970 bis 1973 dem kenntnisreichen, aber noch aktiven Solisten Erler auch Probenleitungen. Es folgt die Ernennung zum Ballettmeister, schließlich zum Leiter der eigenständigen, nur in der Oper eingesetzten Mini-Tanztruppe. Die künftige Ballettdirektorin Konstanze Vernon hatte sich diese durchaus verständliche Trennung von Ballettensemble und Opern-Ballett erbeten. Und man erinnert sehr gut, wie verletzt Erler deshalb war. Aber auch, dass er die Arbeit sehr schätzte. Im engen Raum eines Theaters gibt es natürlich immer mal Spannungen. Aber dann auch wieder heilende Anerkennung. Dass Stefan Erler Führungsfähigkeiten hatte, wusste Wolfgang Sawallisch. Der damalige Münchner Opern-Intendant betraute ihn mit der Interimsdirektion des Ballett-Ensembles von 1986 bis 1988, also bis zu Vernons Direktionsantritt.
Und eigentlich: War Stefan Erler nicht Teil einer wunderbaren Münchner BallettEpoche? Bournonville, Ashton, Cullberg, Balanchine! Für Letzteren war Erler übrigens aktiv bei der Einstudierung der „Scott Symphony“. Es gab Ballette von Hans van Manen, Jirí Kylián, John Neumeier, Glen Tetley, John Crankos „Romeo und Julia“ und sein „Onegin“, um nur ein paar berühmte Namen und Werke zu nennen. Immerhin hatte das Bayerische Staatsballett seine HausChoreografen: die ehemaligen Ersten Solisten Youri Vamos und Ferenc Barbay. Zuletzt haben sich Barbay, seine Frau Barbara und die Leiterin des Opern-Balletts, Magdalena Padrosa, um Erler gekümmert. Was die Bestattung betrifft, hatte uns Stefan Erler schon vor Jahren gesagt, er habe bereits alles geregelt. Schriftlich festgelegt ist, wie man jetzt nochmal erfährt: keine Todesanzeigen, keine Trauerfeier und eine anonyme Bestattung der Urne auf dem Waldfriedhof. Gewiss hatte der Verstorbene Bekannte und Freunde. Auch in Italien, wo er mehrere Jahre seine Sommerurlaube verbrachte. Und er war durchaus gesellig, wortgewandt, auch mit witzig-scharfen Bemerkungen.
Wie für ihn geschaffen: die Rolle der Witwe Simone in Frederick Ashtons „La Fille mal gardée“. Es war sein Bühnenabschied. Letztlich aber war Stefan Erler ein Einsiedler, ein Tanz-Eremit. Wir behalten ihn in Erinnerung.MALVE GRADINGER