Festivalgäste: ZZ Top folgten Claptons Ruf. © Kevin Winter
Gitarrenlegende und Philanthrop: 1999 hat Eric Clapton das Crossroads Guitar Festival ins Leben gerufen. © Kevin Winter
Er gebe sein Bestes, sich zu beherrschen, knurrt Eric Gales in Richtung Fans. Wohlgemerkt, nachdem er sich acht Minuten durch eine Instrumentalversion von „Smokestack Lightning“ geberserkt hat. Nachdem er die Energie, die er der kantigen Vorlage entnahm und in seine von gewaltsamer Präzision geprägte Interpretation steckte, ins Publikum geschossen hat. Nachdem er nichts weniger als Begeisterungsstürme eingefordert hat für diesen fantastischen Bluesrock-Moment, der dem Erbe von Howlin’ Wolf, Stevie Ray Vaughan und Eric Clapton gleichermaßen huldigt. Dieser energetische Höhepunkt der aktuellen „Crossroads Guitar Festival“-DVD ist nur ein guter Grund, sich mit dem Mitschnitt der siebten Ausgabe von Eric Claptons Benefiz zu beschäftigen.
Der Gastgeber mag ein sperriger Typ sein: Gitarrenlegende, Corona-Schwurbler, Bluesrock-Pionier, Blues-Kolonist mit kolonialistischen Aussetzern, hingebungsvoller Förderer schwarzer Kultur. Diese Reihe von Licht- und Schattenseiten ließe sich beliebig fortsetzen – eines steht allerdings außer Frage: „Slowhand“ ist Philanthrop. Seine 1999 als zunächst einmalige Angelegenheit geplante Festivalreihe zugunsten der von ihm gestifteten Therapieeinrichtung „Crossroads Centre“ in Antigua ist ein Beleg.
Nicht nur die Ticket-Erlöse gehen an das Rehabilitations-Zentrum für Alkohol- und Drogenabhängige, auch die aus den Verkäufen von Ton- und Bildträgern. Die Zusammenfassung der jüngsten Ausgabe – über die Bühne gegangen im September 2023 in der ehemals als Staples Center bekannten Crypto.com-Arena in Los Angeles – markiert eine Wende. Die beiden Scheiben folgen einer Dramaturgie und setzen auf neue und gerade zu Beginn auf akustische, aber nicht unbedingt ruhige Töne: The Del McCoury Band, die Mandolinistin Sierra Hull und Bradley Walker interpretieren in wechselnder Besetzung Bluegrass und legen im Verlauf, unterstützt vom Gastgeber, den Fokus auf „blue“. Die Darbietung von Judith Hill, eigentlich R&BSängerin aus L.A., überrascht als versierte Blues-Gitarristin mit schönem Siebziger-Sound und einer Soulstimme, die tief anrührt.
Erst gegen Ende der ersten Scheibe finden sich dann jene Stücke, für die auch die sieben Vorgänger-DVDs berühmt sind: sagenhafte Supergroups, die Klassiker interpretieren. Zu den Gästen zählen Joe Bonamassa, Sheryl Crow, Stevie Wonder, Stephen Stills, Roger MacGuinn, The Wallflowers, Gary Clark Jr., Christone „Kingfish“ Ingram, ZZ Top, Jimmy Vaughan und der talentierte wie versatile John Mayer. Marcus King & Band bestreiten gleich mehrere Songs, darunter eine Hommage an den verstorbenen Gitarrenhexer Jeff Beck, die fantastische H.E.R. schlägt die Brücke von Soul zu Retro Rock, während Gastgeber Clapton und seine hochkarätige Band das tun, was sie am besten können: die eigenen Hits zum Leben erwecken.CHRISTOPH ULRICH
Eric Clapton:
„Eric Clapton’s Crossroads Guitar Festival 2023“ (Warner) ist als Doppel-DVD, Doppel-Blu-ray, Sechsfach-LP, Doppel-CD und digital erschienen.