Sternstunden abseits der Konvention

von Redaktion

Fulminantes, Spontanes und Eigensinniges: Rückblick auf das 45. Jazzfestival in Saalfelden

Konzerte an ungewöhnlichen Orten: In einer Einsiedelei spielten Laura Jurd und Jon Irabagon. © Michael Geißler

Absoluter Höhepunkt war das Septett der US-Vibrafonistin Patricia Brennan, das im Congress auftrat. © Matthias Heschl

Ehrung, wem Ehrung gebührt. Das Europe Jazz Network, ein Zusammenschluss von über 200 Veranstaltern aus 36 Ländern, hat 2025 seinen prestigeträchtigen EJN Award for Adventurous Programming an das Jazzfestival Saalfelden verliehen. Das EJN würdigt damit Saalfeldens konsequenten Eigensinn beim Einsatz für Musik- und Präsentationsformen abseits der Konventionen. Am Fuß des Steinernen Meeres im salzburgischen Pinzgau wird auf Bergwanderungen ebenso improvisiert wie bei Flashmobs, die sich in der Stadt spontan organisieren. Auf einer Waldlichtung finden sich ungewöhnliche Musikerkonstellationen ebenso selbstverständlich zusammen wie in einer aufgelassenen Industriehalle. Und das sind nur einige Aspekte, die sich vier Tage lang um das Hauptprogramm im Veranstaltungszentrum Congress gruppieren. Insgesamt zählten die Veranstalter heuer 28 500 Konzertbesuche, das entspreche demnach einer Auslastung von 98 Prozent.

Mehr als eine glückliche Fügung war es, dass sich im Congress unmittelbar an die Preisverleihung eine Sternstunde (schubladen-)freier Improvisation anschloss: Das Trio Weird of Mouth mit Saxofonistin Mette Rasmussen, Pianist Craig Taborn und Schlagzeuger Ches Smith lotete geradezu telepathisch eine große Bandbreite unterschiedlicher Intensitäten aus. Während Weird of Mouth schon eine Weile zusammenspielen, also jedes Bandmitglied weiß, dass man sich auf die Intuition der anderen verlassen kann, trafen der Schweizer Stimmakrobat Andreas Schaerer und der argentinische Pianist Leo Genovese erstmals (ohne Probe) aufeinander und machten daraus eine unvergessliche Stunde expressiven Musiktheaters jenseits aller Kategorisierungen.

Zum Konzept gehört, dass eine ganze Reihe von Beteiligten in verschiedenen Facetten ihre Musikalität zeigen. So machte der noch wenig bekannte dänische Gitarrist Teis Semey mit einem Sextett (teils harsch provokativ) und einem Quintett (meist subtil-raffiniert) nachdrücklich auf sich aufmerksam. Zu den mehrfach überzeugenden Wiederholungstätern zählten auch Deutschlands Ausnahme-Schlagzeuger Christian Lillinger oder die englische Trompeterin Laura Jurd, die im Hauptprogramm schottisch-irische Reels zu (für Saalfelden-Maßstäbe) relativ eingängigem, dennoch eigenwilligem Folk-Jazz verarbeitete. Absoluter Höhepunkt war das Septett der US-Vibrafonistin Patricia Brennan, die in jedes ihrer Stücke eine unfassbare Ideendichte hineinpackte, diese aber in einem unwiderstehlichen rhythmischen Flow aufgehen ließ, der jeglichen Verdacht der Verkopftheit hinwegfegte.

Natürlich kann, wer viel riskiert, nicht immer gewinnen. Es gab Beiträge, die kaum mehr bewiesen, als dass die Avantgarde von gestern oft der alte Hut von heute ist. Etwa der unfokussierte und belanglose Free Jazz des Orchestra of Good Hope. Doch waren solche Fadheiten in der Minderzahl. Für einige Konzerte galt, was man auch als Fazit fürs Festival insgesamt ziehen konnte: Selbst wenn es nicht für einhellige Begeisterung reichte, war da doch deutlich mehr Licht als Schatten. Und als im Abschlusskonzert The Bad Plus die Musik von Keith Jarretts US-Quartett der Siebzigerjahre so fulminant aktualisierten, dass sie dem Original in Sachen Virtuosität und Charisma die Stirn boten, keimte die Hoffnung auf: Das Jazzfestival Saalfelden ist auch nach 45 Ausgaben kaum in der Gefahr einer Midlife Crisis – eher schon auf dem besten Weg zu einem sehr vitalen Best Ager.REINHOLD UNGER

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