Bestsellerautor Ferdinand von Schirach. © R. Vennenbernd
Das Schönste an diesem Büchlein ist der Titel. Genauer: die dahinterliegende Geschichte. Die schildert Ferdinand von Schirach gleich zu Beginn seines neuen Erzählbandes „Der stille Freund“. Es ist die Erinnerung an einen alten Freund, Massimo. Ein Leben lang beschäftigt der sich mit Naturwissenschaften, stets bemüht, den Ursprung allen Lebens, irgendeinen Sinn zu erkennen. Schon im Schlafanzug im Internat quälen ihn die Kant’schen Fragen „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“ Massimo studiert Hegel, Schelling, Nietzsche, Schopenhauer; befasst sich mit Theorien über Paralleluniversen, fünfdimensionale Räume und schwarze Löcher. Bloß, um immer neue unlösbare Fragen ins Hirn gespült zu bekommen. Und dann, an einem Morgen im August, auf der Terrasse seines Hauses in Florenz, trifft Massimo aus heiterem Himmel die entscheidende Erkenntnis, nach der er in all den Büchern so lange gesucht hat: „Ganz plötzlich wurde ihm klar, dass nur das Lebendige wahr ist, nur das Staunen, nur die Schönheit unserer Welt, dieser eine Moment.“ Massimo nannte dieses Aha-Erlebnis später seinen „stillen Freund“, zu dem er immer wieder zurückkehren konnte.
So beschreibt es Ferdinand von Schirach. Und wie immer bei dem 61-jährigen Bestsellerautor ist man nicht ganz sicher, ob es diesen Massimo möglicherweise wirklich gegeben hat. Dessen – fiktive oder echte – Tochter bat Schirach jedenfalls laut Erzählung, einen Wunsch ihres verstorbenen Vaters zu erfüllen: „Er sagte, es sei Wahnsinn, dass alle Menschen immer wieder die gleichen Erfahrungen machen müssten. Und die gleichen Fehler. Man solle doch einfach einmal alle Regeln aufschreiben, mit denen das Leben gelinge.“ Von Schirach bekennt: Er kann es nicht. „Ich bin Schriftsteller, ich erzähle nur Geschichten.“ Und dann tut er es im Grunde doch. Weil sich in jeder dieser lesenswerten Erzählungen Hinweise auf die Fallstricke des Lebens finden. Wie immer gelingt es ihm, das Menschsein in all seinen Facetten abzubilden. Wie immer lässt er seine Figuren miteinander philosophieren, über Vergangenheit und Gegenwart, große Persönlichkeiten der Geschichte. Und wie immer sind die Texte des Juristen geprägt von der Frage nach Moral und innerer Haltung, Werten, denen man folgt.
Was alle Geschichten eint, ist das Hadern mit dem Faktor Zeit. „Zeit ist bei Marcel Proust nur Erinnerung – eine Vorstellung, die Sehnsucht nach längst verschwundenen Tagen“, formuliert es der Erzähler. Mit seinen Geschichten lädt er uns ein, selbst zurückzuschweifen. Time after Time.KATJA KRAFT
Ferdinand von Schirach:
„Der stille Freund“. Luchterhand, München, 176 Seiten; 22 Euro.