Kirill Petrenko im Großen Festspielhaus. © Lena Laine
Draußen in der Hofstallgasse und am benachbarten Domplatz scheinen die Salzburger Festspiele bereits am Sonntagabend kaum mehr als eine schnell verblassende Erinnerung. Die Tribüne für den „Jedermann“ steht nur noch als Skelett, und dort, wo man sich tags noch am Champagner-Ausschank tummelte, erinnert lediglich ein zusammengerollter roter Teppich an den Luxus der vergangenen Wochen.
Drinnen im ausverkauften Großen Festspielhaus ging es aber noch einmal hoch her. Das letzte Konzert des Sommers gehörte wieder einmal den Berliner Philharmonikern. Aufs Programm gesetzt hatte Chefdirigent Kirill Petrenko Gustav Mahlers Neunte. Ein Werk, an dem sich die Musikwissenschaft seit der Uraufführung 1912 abarbeitet. Allein die Literatur über die neuartige formale Gestaltung des monumentalen ersten Satzes füllt Regale.
Wie erfrischend entspannt und unverkrampft kommt da doch die Lesart von Petrenko daher. Er hält dem Publikum keine trocken verkopfte Vorlesung, sondern inszeniert ein Drama in vier Akten, mit dem er das Publikum auf einer emotionalen Ebene abholt. Natürlich ist bei Mahlers letzter vollendeter Symphonie auch die Todesnähe unterschwellig zu spüren. Wenn Petrenko geduldig darauf wartet, dass auch das letzte nervöse Rascheln im Saal verstummt und sich die ersten Noten wie aus dem Nichts heraus anschleichen dürfen. Oder später, wenn er die grotesken Züge der Burleske wie unter dem Brennglas herausarbeitet.
Ein eindeutiger Gruß an das Leben ist im Kontrast dazu der nicht minder detailreich ausgestaltete zweite Satz. Und obwohl Mahler dafür die Bezeichnung Scherzo verweigerte, stellt Petrenko hier sehr wohl seinen Sinn für Humor unter Beweis. Manchmal fast schon überzogen derb, aber je weiter diese Episode voranschreitet, umso subtiler werden die flink eingestreuten Spitzen.
Zum Meisterstück des Dirigenten wird das abschließende Adagio, vor dem er sich und dem Publikum einen Moment des Innehaltens gönnt. Als er die Stille auflöst und endlich wieder den Taktstock hebt, dürfen sich die Berliner nach dem wild aufgekratzten dritten Satz nochmals von der geschmeidigen Seite zeigen. Trotz zügiger Tempi gibt Petrenko der Musik Raum und setzt auf ein transparentes, kammermusikalisches Klangideal, das vom Orchester mit höchster Präzision umgesetzt wird. Ein glanzvoller Abschluss einer an musikalischen Höhepunkten keineswegs armen Saison in Salzburg.TOBIAS HELL