Gründer des Festivals: Matthias von Hülsen und Viviane Hagner. © Geert Maciejewski
Zuhören erlaubt: Die Musiker proben vor Publikum.
Aus aller Welt reisen Musikerinnen und Musiker ins polnische Kreisau an, um gemeinsam zu musizieren. © Oliver Borchert (2)
Der Himmel über Krzyzowa sieht aus wie gemalt. Zu jeder Tageszeit. Das ist manchmal so bei alten Plätzen, die ringsum eingerahmt werden von historischen Gebäuden. Dieser Gutshof – ein für die Gegend, die früher Niederschlesien hieß, typischer „Vierseithof“ – entstand Anfang des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als man noch Wert legte auf goldenen Schnitt und menschliches Maß, selbst wenn es nur die Kuh- und Pferdeställe betraf. Heute dienen die umgebauten Stallungen als Gästezimmer, es gibt eine Mensa, Tagungsräume, eine Sporthalle, ein Restaurant, einen Konzertsaal. Seit 1994 dient Krzyzowa als Begegnungsstätte einer „Stiftung für Europäische Verständigung“, die sich insbesondere um die Jugendarbeit kümmert und die deutsch-polnische Versöhnung voranbringen will.
Einst wohnte hier das Geschlecht derer von Moltke, das heute in alle Winde zerstreut ist. Damals hieß Krzyzowa noch Kreisau, weshalb die konspirativen Treffen der Hitlergegner, die hier im benachbarten Berghaus seit 1940/41 stattfanden, von der Gestapo „Kreisauer Kreis“ genannt wurde. Als sie 1944 aufflogen, bezahlten fast alle Widerständler ihre Zivilcourage mit dem Leben. Die Abschiedsbriefe, die Freya von Moltke an ihren verhafteten Mann Helmuth James schrieb und der an sie, füllen fast 600 Buchseiten. Man liest sie durch in einer einzigen Nacht. Einmal angefangen, kann man diese atemraubenden Kassiber über Liebe und Tod – aber auch Hoffnung – nicht mehr aus der Hand legen.
Tagsüber möchte man dann am liebsten die Welt draußen vergessen. Das ist allerdings unmöglich, denn es treffen immer mehr Menschen ein an diesem Ort, Musiker und Zuhörer, aber auch beunruhigende Nachrichten. In den ersten Tagen wird vorerst nur geprobt für die elfte Ausgabe des Festivals „Krzyzowa Music – Musik für Europa“. Aus allen Fenstern dringen Töne. Das Besondere: Das Publikum wird auch zu Proben zugelassen.
Anderen zuhören, fremde Stimmen zulassen, dabei die eigene Stimme behaupten in einem Diskurs, der das gemeinsame Dritte, die „Sache“, um die es geht, letztendlich höher schätzt als den Auftritt des Einzelnen, das ist nicht nur eine kontrapunktische Kulturtechnik, die in der Kammermusik notwendig ist. Sie kann auch in einer Demokratie nützlich sein. „Danke, dass Sie zugehört haben“, sagt überraschend der junge Cellist nach der Probe, im Rausgehen. Etliche der Musiker, die aus aller Herren Länder anreisen, müssen erstmal damit klarkommen, dass ihnen ihr Publikum schon so früh so dicht auf die Pelle rückt. Das gilt für die „Juniors“ genauso wie für die vielen namhaften Solisten, die als „Mentors“ oder „Seniors“ schon öfter nach Kreisau kamen. Am dritten Tag der Proben wird bekannt, dass Staatspräsident Nawrocki soeben die polnische Ukrainehilfe mit einem Veto belegt hat, wie er generell gerade fast alles blockiert, was die liberale Tusk-Regierung auf den Weg bringt.
Die Lage ist damit bedrohlich unübersichtlich geworden. Nawrocki, Rechtspopulist, macht Stimmung mit dem Motto: „Polen zuerst, zuerst die Polen.“ Ganz im Gegenteil dazu beruft sich „Krzyzowa Music“, gegründet 2014 von der Geigerin Viviane Hagner und dem Kinderarzt und Intendanten Matthias von Hülsen, auf die europäische Idee. Im Februar 2022 war das Organisationsteam, zu dem auch, unverzichtbar, Dorothy von Hülsen gehört, geborene von Moltke, unter den ersten, die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufnahmen. Die damals gegründete Initiative „Musicians help Musicians“ ist nach wie vor aktiv.
In Saal A auf der Pferdestallseite übt die Harfe. Im „Ballroom“, einst Speisezimmer der Moltkes, wird ein Klarinettenquintett des weithin unbekannten britischen Komponisten Samuel Coleridge-Taylor einstudiert. Er muss ein begnadeter Melodienerfinder gewesen sein. Gegenüber dringen Fetzen einer rhythmisch verflixt vertrackten Streichermusik aus der ehemaligen Tenne. Diese dialektisch-integrative Arbeitsweise ist typisch für Brett Dean, den diesjährigen „Composer in Residence“. Er arbeitet nebenbei an seiner dritten Oper, sie heißt „Of one Blood“, befasst sich mit den Tudor-Königinnen Mary und Elizabeth, und wird im Mai 2026 an der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt. Für Kreisau hat Dean gleich mehrere neue Werke mitgebracht, auch eine Uraufführung. Und außerdem seine Tochter, Mezzosopranistin Lotte Betts-Dean, die probt nebenan den letzten Liederzyklus von Robert Schumann. Betts-Dean verfügt nicht nur über Witz, Verstand und ein hinreißendes Charisma. Sie hat auch eine verführerische Loreleystimme, die so stark ist, dass die Melancholie der Musik durch Mauern dringt.
Dann schwärmen alle aus. Die Konzerte beginnen. Nicht jedes findet im ländlichen Idyll von Krzyzowa statt. Es sei, sagt von Hülsen mit Stolz, in den vergangenen Jahren gelungen, durch Gastkonzerte in der Umgebung auch das Interesse des polnischen Publikums an dem Projekt zu wecken: 80 Prozent der Besucher sind inzwischen Polen. Das Eröffnungskonzert fand heuer statt in der spektakulären alten Friedenskirche in Swidnica (Schweidnitz), weitere in Jawor (Jauer), Szczawno-Zdrój (Bad Salzbrunn) und Wroclaw (Warschau).
Das Programm wird kurzfristig festgelegt, je nach Probenstand. Schaut man auf den Konzertzettel, denkt man sich: Nanu? Was hat Bach mit Ravel zu tun? Und der mit Szymanowski? Aber es gibt doch immer Fäden zu entdecken, die das Neue mit dem Alten verbinden, das Fremde mit scheinbar Bekanntem. Auch das gehört zum Geist von Kreisau.ELEONORE BÜNING