AUSSTELLUNG

Nur schöner Schein?

von Redaktion

„Beyond Surface“ im Bergson-Kunstkraftwerk

Nicht Menschen, sondern Gebäude „porträtiert“ Tracey Snelling und lässt hinter die Oberfläche schauen. © S. HASENEDER

Glatt und gestylt sind die Menschen, die Roland Fischer inszeniert – in die bewusst ausgestellte Sterilität mischt sich dabei Trauer. © SIMON HASENEDER

Auch wenn das jetzt oberflächlich klingt: Der Crémant war exzellent, und die Canapés konnten selbst fast als Kunstwerke durchgehen bei der Preview für geladene Gäste, die vorab die neue Bergson Gallery in Augenschein nehmen durften. Und für den TiefenAusgleich sorgte dann ja deren erste Ausstellung „Beyond Surface“ (hinter der Oberfläche) – eine ebenso hochkarätige wie süffige Schau mit etablierten und angehenden Kunst-Stars, die das Thema Porträt undogmatisch umkreist.

Menschen werden zum Typ deformiert

Die (Un-)Tiefen des schönen Scheins lotet der bekannte Fotokünstler Roland Fischer aus, wenn er Menschen als Schöne und Reiche inszeniert (bis 28 000 Euro). Ohne erkennbaren Gesichtsausdruck ragen ihre Köpfe und nackten Schultern aus einer Wasseroberfläche, sodass sie an römische Büsten erinnern. Glatt und hypergestylt sind sie ganz im Stil der Hochglanzmagazine abgelichtet, die Models, Mode und Promis feiern. Aber die Sterilität der Darstellung, die dort zur selbstverständlichen Machart gehört, stellt Fischer betont und erkennbar aus. Dadurch scheint in den Porträtierten plötzlich die Trauer darüber sichtbar, dass ihre Deformierung zum Typus sie der Persönlichkeit beraubt, dass ihre Erscheinung nicht sie zeigt, sondern ein Oberflächensignal. Gerade so aber gibt der Künstler den Identitätsattrappen die Würde der Individualität zurück.

Den umgekehrten Weg geht Patrick Tresset. Seine Porträts realer Personen wirken fast „natürlich“, wie freihändig skizziert, in Wirklichkeit werden sie aber von Roboterarmen gezeichnet, die ein Computer samt Kamera steuert. Der Clou: Jeder Besucher der Ausstellung kann auf einem Stuhl Platz nehmen, sich vom Roboter zeichnen lassen und das Porträt für 200 Euro erwerben. Einen völlig anderen, aber ebenso radikalen Ansatz wählt Tracey Snelling, die nicht Menschen, sondern Gebäude „porträtiert“, indem sie hinter deren Oberfläche schaut. Ihre Skulpturen (bis 24 000 Euro) wirken wie aus der Bastelstube: herrlich provisorische Architekturmodelle zwischen Spielzeugeisenbahn und Rappelkiste, wobei Geräusche und winzige Videos in den Fensterchen dieser Puppenstuben für dezente Gruseleffekte sorgen.

Olga Migliaressi-Phoca wiederum treibt ein abgründiges Spiel mit der Oberflächenästhetik der Glanz-undGlamour-Welt. Ihre riesigen, mit verschwommenen surrealen Szenen bedruckten Spiegel (21 400 Euro) sind imaginäre Cover-Entwürfe für ein Modemagazin aus dem Jahr 2096 namens „Vague“ (vage, undeutlich). Eine so betörende wie verstörende Zeitreise in die Zukunft menschlicher Eitelkeiten. Ein Meister des Vexierspiels ist auch der Münchner Maler Florian Süssmayr: Aus einiger Distanz wirken seine Bilder wie großformatige Amateurfotos, aber wer näher tritt, erkennt, dass es sich um saftige und virtuose Malerei handelt (bis 20 000 Euro). Das Geheimnis liegt bei diesem Künstler also – wie bei Crémant und Canapés – nicht hinter, sondern in der Oberfläche. Ein besonders raffiniertes Versteck.ALEXANDER ALTMANN

Bis 16. November,

Bergson Kunstkraftwerk, Do. und Fr. 14 bis 19 Uhr, Sa. und So. 11 bis 19 Uhr, Eintritt frei.

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