Für sein neues Buch erforschte Ken Follett die Geschichte von Stonehenge. © Gareth Iwan Jones
Folletts Anwesen.
Buchanfänge auf Teebechern. © aki
Die ausgelagerte Bibliothek auf Folletts Landsitz hütet seine 38 Romane in allen übersetzten Sprachen. © Astrid Kistner
Ken Follett mit Redakteurin Astrid Kistner. © Olivier Favre
Morgens um 5.30 Uhr, noch vor der ersten Tasse Tee und der täglichen Rasur, sitzt Ken Follett in seinem Arbeitszimmer und schreibt. Friedliche Stille liegt dann über seinem herrschaftlichen Anwesen im ländlichen Hertfordshire eine Autostunde nördlich von London. Während Ehefrau Barbara noch schläft, reist Follett, der Meister des historischen Romans, zurück in die Vergangenheit. Weit zurück. Zuletzt in die Jungsteinzeit 2500 vor Christus. Sein neues Werk „Stonehenge – die Kathedrale der Zeit“ (Bastei-Lübbe) erscheint am kommenden Dienstag. Es ist ein opulentes Epos über die Entstehung des mystischen Steinkreises, der bis heute Millionen Menschen weltweit fasziniert und nach Großbritannien lockt.
„Ich war acht Jahre alt, als ich Stonehenge das erste Mal besucht habe. Damals war ich ungefähr fünf Minuten interessiert und dann fürchterlich gelangweilt. Das waren ja nur große Steine!“ Follett lacht. Viel später erst sei er zurückgekehrt und habe sich die beiden entscheidenden Fragen gestellt: Wie wurde Stonehenge gebaut und vor allem warum? Basierend auf aktuellen archäologischen Erkenntnissen und unterstützt von den historischen Beratern Mike Pitts und Phil Harding liefert der 76-Jährige auf 670 Seiten mögliche Antworten und für seine treue Fangemeinde eine saftige Geschichte über Bauern und Hirten, Waldleute, Steinhauer und Priesterinnen. Es geht um eine große Vision, um Liebe, Leidenschaft und Krieg.
Kurz vor dem Erscheinungstermin hat Follett auf seinen Landsitz geladen, um über „Stonehenge“ zu sprechen. Sein Anwesen – ein wahr gewordener Rosamunde-Pilcher-Traum. Der weitläufige Park, dessen Begrenzung sich nur erahnen lässt, wird von einer 300 Jahre alten Zeder bewacht. Sonne flutet die Bibliothek im Anbau, in der Follett seine 38 Romane in allen übersetzten Sprachen hütet. Daneben ein ganzes Regal voller Teebecher. „Meine Tochter kam auf die Idee, sie mit den ersten Sätzen aus meinen Büchern beschriften zu lassen – aber irgendwann wurden es zu viele.“
Follett führt in sein Arbeitszimmer im Haupthaus. Der pure Cottage-Charme: niedrige Decken, freigelegte Holzbalken, ein offener Kamin und ein Ohrensessel, in dem man sich niederlassen und nur noch auf Weihnachten warten möchte. Schwer vorstellbar, dass man in diesem Ambiente über die dunkelsten und entbehrungsreichsten Kapitel der Menschheit schreiben kann. „Ich finde es hochspannend, mich in andere Epochen zu versetzen, aber tauschen will ich mit keinem anderen Zeitalter als dem gegenwärtigen“, sagt Follett und ergänzt lächelnd: „Ich hänge zu sehr an bequemen Sesseln, schönen Kleidern und Champagner.“
Nichts davon kannten die Protagonisten in seinem neuen Roman. Seft, ein kluger Feuersteinhauer, und die selbstbewusste Priesterin Joia träumen davon, ein Monument für die Ewigkeit zu schaffen, während die Sippen, denen sie angehören, ums tägliche Überleben kämpfen. Für diese Charaktere gebe es keine Belege, sagt Follett. „Aber die Archäologen können Details aus dem Steinzeitalter liefern, auf denen ich meine Figuren aufgebaut habe.“ Dass sie sich vor knapp 5000 Jahren in einer ähnlichen Gefühlswelt bewegten wie wir, hält er für durchaus denkbar. „Menschen aller Zeitalter machten sich Sorgen um Gewalt, Krieg, die Frage, wie sie sich und ihre Kinder ernähren sollen. Das sind fundamentale Bedürfnisse. Und aus ihnen resultieren auch Gefühle wie Liebe, Rache und Gier.“
Dabei sind es vor allem starke Frauen wie Romanheldin Joia, die den ehemaligen Zeitungsjournalisten interessieren. „Als ich studiert habe, hielten wir uns für sehr politisch und gleichberechtigt, bis eines Tages eine Kommilitonin sagte: ,Wenn wir alle gleich sind, warum machen dann immer die Frauen den Tee?‘“ Follett lächelt verschmitzt. „Frauen, die in den Sechzigern solche Sätze sagten, haben uns fasziniert. Wir wollten sie daten und bestenfalls heiraten.“
Sein Vater habe den Feminismus nie akzeptiert. „Meine Mutter hatte nie ein eigenes Konto, durfte keine Hosen tragen oder Auto fahren“, erinnert sich Follett. „Dabei war mein Vater kein Tyrann. Im Gegenteil, aber er war ein Kind seiner Zeit und glaubte fest daran, dass die Rolle der Frau in der Bibel festgeschrieben sei.“ Eine Haltung, die Follett früh fremd war. „Vielleicht bin ich mit Blick auf die Geschichte deshalb so empfänglich für weibliche Charaktere, die rebellieren und sich nicht einfach fügen.“
Mit Ehefrau Barbara, einer ehemaligen Unterhausabgeordneten der Labour-Partei, hat er so eine Frau gefunden. Auf die Idee, ihren Mann sanft in den Ruhestand zu schubsen, sei sie auch mit 82 Jahren noch nicht gekommen. „Sie weiß, wie sehr ich meine Arbeit liebe. Außerdem sind wir nicht nur sehr romantisch, sondern auch ein gutes Team. Ich schreibe, sie managt das Geschäft. In den 40 Jahren, die wir verheiratet sind, haben wir vielleicht 14 Tage ohne einander verbracht“, sagt der gebürtige Waliser.
Während sich die Buchläden mit „Stonehenge“ rüsten, schreibt Follett bereits an einem neuen Roman. Kein Sterbenswörtchen lässt er sich dazu in seinem Arbeitszimmer entlocken. Dabei hat er bereits 500 Seiten des ersten Entwurfs im Computer gespeichert. Sorry, für eine Ankündigung sei es noch zu früh. Aber er blicke neugierig auf die Reaktionen der Leser zu „Stonehenge“, sagt Follett und liefert gleich die Erklärung: „Bevor ein Buch von mir veröffentlicht wird, lesen es eine Menge Leute. Und sie vermitteln mir das Gefühl, dass sie es mögen. Aber glauben kann ich es erst, wenn es jemand sagt, der dafür bezahlt hat.“ (Lacht.)ASTRID KISTNER