Eine göttliche Schau

von Redaktion

Das Diözesanmuseum Freising zeigt Meisterwerke der italienischen Renaissance

Memento Mori: „Der Erlöser“ von Andrea Mantegna. © Comune di Correggio

Liebevoll: Ausschnitt aus Botticellis „Maria mit Kind“. © Fond. Artistica Poldi Pezzoli

Zwischen Geld und Glaube: Lorenzo Lottos Mönch. © Gal. dell‘Accademia di Venezia

Hoffnungsvoll: Giovanni Bellinis „Pietà“ (1460). © Matteo De Fina

Gleich zu Beginn: einmal Hölle und zurück. Durch Fegefeuer, Inferno und ab ins Paradies im Schnelldurchlauf jagt uns eine fünfminütige Video-Installation im ersten Raum der neuen Ausstellung im Diözesanmuseum Freising. Was für eine Begrüßung. Typisch für das Haus von Direktor Christoph Kürzeder, der mit seinem Team immer neue Wege findet, auch Menschen, die nichts mit Christentum am Hut haben, für die Themen zu begeistern, die hier behandelt werden. Schon ist man mittendrin. In diesem Fall: in der italienischen Renaissance. Einer Zeit der Umbrüche, zwischen Mittelalter und Neuzeit. In der sich die Menschen – angestupst durch Dichter wie Dante (1265-1331) oder Petrarca (1304-1374) – wieder die großen philosophischen Fragen der Antike stellen: Was ist der Mensch? Ein Ebenbild Gottes auf Erden? Wie viel Göttlichkeit steckt in uns allen – und was bedeutet das fürs irdische Leben?

Dantes „Göttliche Komödie“ ist in Italien Nationalgut. Was für eine Auszeichnung für das Freisinger Museum, dass ihm etwa die Vatikanische Apostolische Bibliothek in Rom eine Originalhandschrift auf Pergament aus dem Jahr 1419 für die Ausstellungsdauer anvertraute. 600 Jahre alt. Wo das Buch wohl schon überall gelegen hat, wie viele Menschen über die Seiten gebeugt saßen, im Schein wie vieler längst abgebrannter Kerzen, tief ergriffen von dieser mitreißenden literarischen Reise ins Jenseits.

Der Text eröffnet eine neue Gedankenwelt, durch deren Einfluss sich auch die Sprache der Bildenden Künstler der Zeit verändert. Die Heilsgeschichte Jesu wird auf einmal nicht mehr vor goldenem Grund mit statischen, versteinert erscheinenden Figuren erzählt. Plötzlich wird sie in die Lebenswelt der Betrachter eingebettet. Reale Landschaften, gesäumt von Männern, Frauen, Kindern wie du und ich. Und völlig neue Perspektiven. Immer weiter dehnt sich der Bildraum nach hinten aus, immer mehr wird man in die Werke hineingezogen. Anhand von 65 hochkarätigen Leihgaben aus 27 italienischen Museen und Sammlungen zeichnet die Schau diese kunsthistorische Entwicklung auf sinnliche Weise nach.

Besonders eindrucksvoll etwa Andrea Mantegnas Jesusporträt „Der Erlöser“ (1493). Dieser Christus schaut uns nicht starr an. Sein Blick ist in sich gekehrt. Nachdenklich, melancholisch. Ein Mensch, der um seinen Tod weiß. Das ist revolutionär. Wie der Schriftzug auf der Leinwand: „Momordite Vosmetipsos ante effigiem vultus mei“ – „Verzehrt euch selbst vor dem Bild meines Antlitzes“. Kurz gesagt: Fühlt mit! Man tut es. Sich plötzlich selbst so ganz und gar seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Der Dornenkranz, der am Ärmlein des Jesuskindes in Sandro Botticellis „Maria mit Kind“ (1480/81) baumelt, macht es deutlich: Selbst der Gottessohn ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Schon dem Beginn des Lebens wohnt ein Abschied inne. Wer geboren wird, wird eines Tages sterben.

Doch dazwischen: so viel Leben. Spannende Einblicke in das der Menschen der erzählten Epoche, die im 14. Jahrhundert begann und rund drei Jahrhunderte währte, gibt ein Blick in die Bücher Francesco Datinis (1335-1410). Er war einer der größten Kaufmänner seiner Zeit – und seine gesamte Buchführung ist erhalten geblieben. Da sehen wir einen handschriftlichen Scheck über 500 Gulden oder einen Brief mit verschiedenfarbigen Stoffmustern. Sechs Jahrhunderte alt – und in der Alltäglichkeit der Geschäfte uns Heutigen doch so nah.

Damit eröffnet sich ein weiterer spannender Aspekt der Schau, der sich beispielsweise in Lorenzo Lottos „Porträt des Dominikanermönches Marcantonio Luciani“ (1526) widerspiegelt. Der Mann in Kutte ist der Schatzmeister des Klosters. Vertragen sich die Silbermünzen mit dem christlichen Gewand? „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, heißt es in der Bibel. Dieses Gleichnisses waren sich die reichen Menschen der Renaissance wohlbewusst – und taten alles, um die Zeit im Fegefeuer durch generöse Spenden zu begrenzen.

Es menschelt also aufs Schönste in dieser Schau. Die mit einem besonders eindrucksvollen Bild abschließt. Im 18. Jahrhundert wurde es nachträglich mit den Initialen „A. D.“ versehen – ein Albrecht Dürer verkaufte sich einfach besser. Tatsächlich stammt das Werk aber von Giovanni Bellini (1430-1516). Der gekreuzigte Jesus scheint eigenmächtig stehen zu können, nur sanft von trauernden Engeln gehalten. Nein, tot ist dieser Mann nicht. Blut fließt durch seine kräftigen Adern. Ein Bild voller Hoffnung. Mit ihr verlässt man das Haus, geht den Domberg hinab. Ins Leben. Mit all seiner Schönheit.KATJA KRAFT

Bis Januar 2026

Di. bis So. 9 bis 17 Uhr;
Domberg 21, Freising.

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