Fleetwood Mac Anfang der Achtzigerjahre mit Stevie Nicks und Lindsey Buckingham (re.) © mptv
Das Cover: Stevie Nicks weinte. © Warner
Liebespaar mit ungeahnten Perspektiven: Stevie Nicks und Lindsey Buckingham während der Aufnahmen zu ihrem einzigen Album als Duo. © Jimmy Wachtel
Ein beliebter Sport unter Pop-Fans und vor allem Journalisten: Alben als vergessene Klassiker zu verklären, denen bei Erscheinen wenig Erfolg beschieden war. Manchmal ist was dran an dieser öffentlichen Rehabilitierung, oft sind die betreffenden Werke aber kreuzfad und zu Recht in der Versenkung verschwunden. Dass auch Stevie Nicks und Lindsey Buckingham Leidtragende des „Lost-Album-Syndroms“ sind, ist allerdings schon ein starkes Stück. Ihr Debüt von 1973 geriet schlicht und einfach in Vergessenheit – es erschien auf keinem Streaming-Dienst, nicht einmal auf CD –, und man fragt sich tatsächlich, wieso. Diese Leute waren Stars!
Nicks und Buckingham waren verantwortlich für eine der unglaublichsten Wiedergeburten der Popmusik. Fleetwood Mac hatten sich durch eine relativ ziellose Phase gekämpft, als sie das bildhübsche und talentierte Liebespaar kennenlernten – und es kurzerhand zu Mitgliedern machten. Mit den beiden nahmen sie 1977 eine der erfolgreichsten LPs aller Zeiten auf: „Rumours“. Die US-Musikzeitschrift „Rolling Stone“ hievte die Platte im Jahr 2020 auf Platz sieben ihrer Liste „Die 500 besten Alben aller Zeiten“.
Bemerkenswert ist, dass Fleetwood Mac mit den beiden Neuzugängen auch gleich deren Sound übernahmen. Der britische Bluesrock von zuvor war Geschichte – Nicks und Buckingham ließen die Sonne rein, alles klang nun wie kalifornischer Radiorock. Also wie „Buckingham/Nicks“, das jetzt endlich wieder zu haben ist.
Mancher Mac-Fan dürfte einen gehörigen Aha-Effekt erleben. Etwa dass in Songs wie „Frozen Love“ und „Long Distance Winner“ schon der spätere Hit „The Chain“ anklingt und man im galoppierenden „Don’t let me down again“ eine klare Verwandtschaft zum Evergreen „Second Hand News“ erkennt. Aufgenommen in den Sound City Studios in L.A. mit Session-Cracks wie Jim Keltner und Waddy Wachtel und von Keith Olsen produziert, präsentierte das Album Buckinghams knackiges Gitarrenspiel und die eng verflochtenen Harmonien des Pärchens.
Die beiden waren keine unbeschriebenen Blätter: Unternehmertochter Stevie, die schon mit vier Jahren mit ihrem Opa Country-Duette gesungen hatte, stieg 1968 in Buckinghams Band Fritz ein, die sich an der Westküste einen Namen erspielte – unter anderem im Vorprogramm von Jimi Hendrix, Janis Joplin und Creedence Clearwater Revival. Dann versuchten sie es als Duo – aber das Album blieb in den Regalen liegen. Doch 1974 besuchte Mick Fleetwood die Studios. Olsen spielte ihm „Frozen Love“ vor – und der Schlagzeuger, der auf der Suche nach einem neuen Gitarristen war, bot Buckingham die Stelle an. Der machte zur Bedingung, dass auch Stevie genommen wurde.
Der Rest ist Geschichte. Es entwickelte sich ein reges Bäumchen-wechsel-dich-Spiel innerhalb der Band. Herzschmerz (und Kokain!) wurden zu den beherrschenden Themen der Truppe. Noch heute sind Nicks und Buckingham wie Hund und Katz – was wohl auch dazu geführt hat, dass das Album so stiefmütterlich behandelt wurde. Nicks, mit Taylor Swift befreundet und eine Ikone der Frauenbewegung, hat zudem schlechte Erinnerungen an das Cover-Shooting. Sie habe sich unter Tränen für „Buckingham/Nicks“ ausgezogen. „Lindsey fand, es war Kunst.“ Na, darüber lässt sich streiten. Aber die Musik ist tatsächlich: ein kleiner vergessener Klassiker.JOHANNES LÖHR
Buckingham/Nicks:
„Buckingham/Nicks“ (Warner).