Nutze deine Zeit!

von Redaktion

Martin Freeman spielt Meister Hora im neuen „Momo“-Film

„Wir können viel von Momo lernen“, sagt Martin Freeman, hier als Meister Hora. © Constantin

Der Zeitplan ist eng getaktet. Viele Journalisten möchten am Sonntagnachmittag ein Interview mit Martin Freeman führen. „Doch keine Eile – wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir benötigen“, sagt der 54-jährige britische Schauspielstar, als man sich im Bayerischen Hof zum Gespräch begrüßt. Und wirkt dabei ganz wie der freundliche Meister Hora, den er in der Neuverfilmung von Michael Endes Klassiker „Momo“ (1973) spielt. Am Donnerstag startet sie in den deutschen Kinos. Ein Gespräch über Zeitverschwendung – und was wir von Momo lernen können.

Ist es nicht irrsinnig, wie vorausschauend Michael Ende war? Er beschreibt in „Momo“ genau die Welt, in der wir heute leben.

Absolut. Aber haben wir nicht schon immer so gehetzt gelebt wie heute? Ich denke, zu jeder Zeit dachten die Menschen, da ist nicht genug Zeit. Weil wir wissen, dass das Leben endlich ist. Wenn Sie an die Industrielle Revolution denken: Wie viel schneller und wie viel mehr die Menschen mit einem Mal arbeiten mussten. Mehr, mehr, mehr, schneller, schneller, schneller. Und jetzt, mit dem hier (deutet auf ein Smartphone, das auf dem Tisch liegt), ist es noch schlimmer geworden. Damit verschwenden wir mehr Zeit denn je.

Wobei uns Michael Ende lehrt, dass wir viel häufiger Zeit verschwenden sollten – mit schönen Dingen. Womit verschwenden Sie gern Ihre Zeit?

Oh, in der Badewanne. Mit einem Glas Wein oder sogar einer Tasse Tee. Dann mache ich mir am Wannenrand den Laptop an und schaue eine Komödie oder eine Doku.

Ohne SmartphoneDaddelei nebenher.

Genau, wenn ich in der Badewanne liege, bleibt das Smartphone draußen. Wie ich überhaupt versuche, daheim so wenig wie möglich mein Handy zu benutzen. Oder wenn ich mich mit jemandem treffe: Da zwinge ich mich dazu, das Ding in der Tasche zu lassen. Fällt oft nicht leicht. Gerade an öffentlichen Plätzen, wo ich häufiger erkannt werde. Da ist das Smartphone ein nützliches Schutzschild, um nicht angesprochen zu werden, während man auf seine Begleitung wartet.

Sie könnten immer ein Buch dabei haben.

Stimmt. Aber ich möchte ein Buch nicht bloß für eine Minute lesen. Ich versuche, mich dazu zu bringen, lieber herumzuschauen und zu gucken, was um mich herum passiert.

Und wofür hätten Sie gern mehr Zeit? In der Wanne zu liegen?

Zum Beispiel. Spazieren zu gehen. Ferien zu machen, zu verreisen. Nicht an die Arbeit zu denken. Obwohl ich sie liebe, aber es wäre so schön, öfter gar nichts zu tun. Keinen Plan zu haben, keine Aufgaben. Einfach zu sein.

So schwierig …

So schwierig! Kennen Sie das: Sie haben zwei Wochen frei und nehmen sich lauter tolle Dinge vor, die sie in diesen Wochen tun wollen. Und schwups, sind die Ferientage um – und nichts davon hat man gemacht. Wäre es nicht besser, sich gar nichts vorzunehmen? Einfach den Moment zu genießen, den Tag auf sich zukommen zu lassen? Das Leben passiert einfach, du kannst nicht alles planen.

Denken Sie manchmal darüber nach, wie viel Lebenszeit Ihnen wohl noch bleibt?

Ja, darüber denke ich sogar sehr häufig nach. Ich möchte so viel gute Arbeit machen, wie ich kann. Viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich möchte stolz auf das sein, was ich tue.

Lehnen Sie deshalb viele Projekte ab?

Mindestens 90 Prozent der Angebote. Die Rollen sollen zu mir passen. Mich neu herausfordern, weiterbringen.

Dann können wir von Glück reden, dass Sie für „Momo“ zugesagt haben. Warum wollten Sie mitspielen?

Mir hat die Idee gefallen, ständig vom Ticken der ablaufenden Zeit umgeben zu sein. Mir gefällt die Botschaft des Buches, seine Zeit sinnstiftend zu verbringen, nicht bloß produktiv zu sein. Es ist eine durch und durch positive Geschichte. Ohne kitschig zu sein. Und mir gefiel die Idee, eine Schildkröte als Sidekick zu haben. Das war neu! (Lacht.)

Sie treten in die Fußstapfen von John Huston. Doch Ihr Meister Hora ist jünger, dynamischer. Haben Sie ihn bewusst anders angelegt?

Ja, jede Neuverfilmung sollte eine neue Version sein. Andernfalls gäbe es keinen Grund, die Geschichte neu zu verfilmen. Wir haben ja alle Filme oder Lieder, die wir lieben und genau so immer wieder anschauen oder anhören. Deshalb ist es nie leicht, dem Publikum eine neue Version zu bieten. Ein Teil des Gehirns wird immer nostalgisch sagen: Aber das ist nicht dasselbe! Hoffentlich wird es gelingen, ein jüngeres Publikum mit neuen Sehgewohnheiten zu erreichen. Denn diese Geschichte trägt so viele wichtige Botschaften in sich.

Zum Beispiel, einander zuzuhören. Das kann Momo richtig gut. Klingt so einfach, doch viele haben es verlernt.

Das ist wahr. Besonders wegen dieses Dings (zeigt wieder auf das Handy). Wenn Menschen während eines Gesprächs danach greifen, finde ich das schrecklich. Hättest du früher einfach ein Buch genommen und gesagt, sorry, ich lese mal kurz das Kapitel weiter? Das wäre doch schräg, oder? Aber selbst ohne Smartphone-Ablenkung ist es häufig so, dass Menschen nicht richtig zuhören, sondern nur darüber nachdenken, was sie als Nächstes sagen.

Was können wir also von Momo lernen?

Großzügig mit unserer Zeit gegenüber anderen umzugehen. Und nicht Sklaven der Technologien zu sein. Jedes Like auf Social Media schüttet Glückshormone in unserem Körper aus. Wir sind wie Kinder, denen Heroin ins Blut gespritzt wird. Würden sämtliche Technologien morgen zusammenbrechen, wäre das total okay für mich. Ja, das können wir von Momo lernen: Digitales aus, analoges Wahrnehmen an!

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