Das Erbe des Kult-Autors

von Redaktion

Zwei Däninnen führen das Werk von Jussi Adler-Olsen fort

Die dänischen Autorinnen Stine Bolther (re.) und Line Holm haben der Erfolgsreihe von Krimi-Star Jussi Adler-Olsen mit „Tote Seelen singen nicht“ einen neuen Dreh gegeben. © Trumpf/dpa

Line Holm und Stine Bolther haben wahrlich kein einfaches Erbe angetreten. Eine der weltweit erfolgreichsten Thriller-Reihen der vergangenen Jahre fortzuführen, ihren Ton zu treffen und ihr gleichzeitig eine neue Stoßrichtung zu geben, ohne Vorgänger und Leserschaft vor den Kopf zu stoßen, daran sind so manche Schriftsteller bereits gescheitert. Holm und Bolther ist all das gelungen. Das dänische Autorinnen-Duo hat der millionenfach verkauften Erfolgsreihe von Krimi-Star Jussi Adler-Olsen mit „Tote Seelen singen nicht“ einen neuen Dreh gegeben und ihr über das eigentliche Ende hinaus eine Zukunft geschenkt. Heute kommt das nunmehr elfte Buch um den grummeligen Ermittler Carl Morck und das Sonderdezernat Q der Kopenhagener Polizei im Penguin Verlag in den deutschen Handel – mit alten Bekannten, einer mysteriösen neuen Ermittlerin und einem psychologisch tiefgründigen Fall.

„Jussi hat uns vor mehr als drei Jahren gefragt, ob wir Lust haben, die Abteilung-Q-Serie weiterzuführen“, erzählte Holm in Kopenhagen, als das Buch im Frühjahr unter dem Originaltitel „Dode sjaele synger ikke“ gerade in Dänemark erschienen war. Gemeinsam mit Adler-Olsen überlegten sie, wohin der Weg des Sonderdezernats Q führen könnte. Adler-Olsen ließ seinen beiden Mitstreiterinnen dabei weitgehend freie Hand. „Er sagte: Legt los, ihr bestimmt, ihr macht, was ihr wollt“, berichtete Holm. „Er war unheimlich offen für unsere Ideen und vertrauensvoll.“ Adler-Olsen, der mit den zehn Werken von „Erbarmen“ bis „Verraten“ gerade in Deutschland ein Millionenpublikum begeistert hat, bestätigt das. „Sie können einfach schreiben und ich analysiere, kritisiere und kommentiere. Ich schreibe keine einzige Zeile“, sagte er anlässlich seines 75. Geburtstags in diesem Sommer.

Die lange Zeit streng geheim gehaltene Zusammenarbeit mit Holm und Bolther hatte Adler-Olsen erst Anfang 2025 in einem Interview der dänischen Zeitung „Politiken“ bekanntgegeben – parallel zu der Nachricht, dass er unheilbar an Knochenmarkkrebs erkrankt ist. Schon vor der Krebsdiagnose hatte er angefangen, mit den beiden Däninnen über eine mögliche Fortsetzung der Morck-Reihe zu sprechen.

Die Arbeit an seiner ursprünglich auf zehn Teile angelegten Erfolgsreihe abzugeben, sei ihm alles andere als schwergefallen – im Gegenteil. „Ich bin erleichtert“, sagte Adler-Olsen. „Die beiden sind sehr intelligent, und sie haben solch verrückte Ideen. Ich fühle mich mit ihnen einfach sehr wohl“, sagte er über die Zusammenarbeit mit Holm und Bolther. Besonders die Idee, den verbliebenen Q-Ermittlern Rose und Assad eine geheimnisvolle Französin namens Helena Henry zur Seite zu stellen, sagte Adler-Olsen zu. Sie stößt im Keller der Kopenhagener Polizei eher unfreiwillig zu ihren neuen Kollegen, aber gerade rechtzeitig, um im aktuellen Fall zu ermitteln.

Dabei geht es um eine völlig ausartende Misshandlung unter Jungs eines Knabenchors, die Jahrzehnte später einen perfiden Rachefeldzug des Gepeinigten nach sich zieht. Der Tipp, der den Fall ins Rollen bringt, kommt dabei ausgerechnet von einem, der das Sonderdezernat Q lange Zeit prägte, ein Jahr unschuldig im Gefängnis saß und sich nun als Schriftsteller versucht – übrigens mit Krimis, die die Namen von Adler-Olsens eigenen Werken tragen: von Carl Morck höchstpersönlich.

Psychologisch anspruchsvoll wird der Fall dadurch, dass die Grenzen zwischen Täter und Opfer immer mehr verschwimmen, wie auch Assad richtig beobachtet hat. Wer der Böse ist, ist relativ schnell klar – aber ist er wirklich der Böse? Oder nur ein eigentlich Guter, den das Leben gezwungen hat, aus Rache und Demütigungsgelüsten die Seite zu wechseln? Wie dem auch sei: Die neue Ermittlerin tut der Geschichte gut, auch wenn sie mit ihrem französischen Akzent selbst nach 550 Seiten noch sagt: „Aber ich will nicht im Sonderdezernat Q sein!“ Ihre Figur ist jedenfalls maßgeschneidert darauf ausgelegt, dass noch weitere Romane der Reihe folgen werden. „Natürlich wird danach mehr kommen“, sagte auch Bolther, ohne sich auf eine bestimmte Anzahl an Folgeromanen festzulegen. „Wir machen so lange weiter, wie es Spaß macht.“ Und Adler-Olsen ließ durchblicken, dass die Arbeit an einem zwölften Fall bereits läuft – erneut mit ihm als Ideengeber im Hintergrund.STEFFEN TRUMPF

Jussi Adler-Olsen, Stine Bolther, Line Holm:

„Tote Seelen singen nicht“. Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger, Penguin Verlag, München, 560 Seiten; 28 Euro.

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