URAUFFÜHRUNG

Der Ego-Shooter

von Redaktion

„Lapidarium“ von Rainald Goetz am Residenztheater

Auf der Habenseite dieser Inszenierung ist das fantastische Ensemble des Residenztheaters – allen voran Pia Händler. © SANDRA THEN

Im Theater ist der Eiserne Vorhang eine Brandschutzvorrichtung, die im Falle eines Feuers den Zuschauerraum von der Bühne trennt – und so ein Übergreifen der Flammen verhindern soll. Das Ding ist also massiv und maximal undurchlässig.

Das exakte Gegenteil ist der Fadenvorhang, den Aleksandra Pavlović ins Residenztheater gehängt hat: zart und absolut durchlässig. So lässt sich über die letzten Dinge nachdenken. Damit hat die Bühnenbildnerin im Prinzip einen wunderbaren Zugang zu „Lapidarium“ von Rainald Goetz gefunden; das neue Stück des 71-Jährigen wurde am Freitag am Staatsschauspiel uraufgeführt.

Einen Zugang, der sich in den weiteren Bühnenbauten fortsetzt, die – ebenso wie Johanna Stenzels Kostüme – das satte Blau und das strahlende Weiß der „Lapidarium“-Buchausgabe zitieren. Schade nur, dass der Text eher dem Prinzip des Eisernen Vorhangs folgt denn der Leichtigkeit und Eleganz eines Fadenvorhangs.

In „Lapidarium“ kreist Goetz um Goetz. Und das mit enormer Massivität. Der Schriftsteller folgt einem Strom aus Erinnerungen, Gedanken, Ängsten, Sehnsüchten, Befürchtungen. Das hat alles seine Berechtigung; es gibt mitunter auch pointierte Wortspiele, abstruse Beobachtungen, herrliche Sätze. Um jedoch auf der Bühne zu funktionieren, um nicht nur Tagebuch, sondern Theater zu sein, müsste der Text über das individuelle Erleben hinausweisen. Das geschieht zu selten. Gewiss, Goetz verhandelt Existenzielles; es geht um würdevolles Sterben, um den Tod und die Frage, was auf ihn folgt. Zudem erinnert er an verstorbene Zeitgenossen, vor allem der Suizid des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf (1965-2013) nimmt viel Raum ein. Doch findet das Stück im Einzelschicksal kaum Allgemeingültiges. Mehr als 250 Charaktere, zählte das Residenztheater, kommen in „Lapidarium“ vor – trotzdem bleibt der Autor ein EgoShooter. Neben literarischen Figuren lässt er reale Personen auftreten, meist aus dem Kulturbetrieb: Helmut Dietl und Herbert Achternbusch etwa, Josef Bierbichler und Franz Xaver Kroetz (dem das Stück gewidmet ist), Josef Hader, Mathias Döpfner, Helmut Fischer, Klaus Lemke. Männer vor allem (viele alte weiße Männer). Zugegeben, gerade die München-Bezüge sind durchaus charmant. Aber letztlich ist seit den Achtzigern beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen – die Zeit und mit ihr Kunst und Kultur, Theater und Literatur haben sich entwickelt, sind weiblicher, vielfältiger – kurzum: spannender – geworden. Damit sei nichts gegen alte weiße Männer gesagt: Am Vorabend dieser Uraufführung haben schließlich Alexander Eisenach und sein Team im Cuvilliéstheater gezeigt, wie heutig Heinrich Manns „Der Untertan“ (1914) gelesen werden kann (wir berichteten).

Rainald Goetz hatte sich für die Inszenierung seines neuen Stückes Elsa-Sophie Jach gewünscht. Sie begegnet dem Text mit (zu) viel Respekt, wo ein beherzter Zugriff und der Mut zur Kürzung vielleicht noch hätte einige Funken schlagen können. So agiert das Ensemble meist an der Rampe und spricht ins Publikum.

Den Schauspielerinnen und Schauspielern wäre eine dankbarere Vorlage zu wünschen gewesen. Zwei seien stellvertretend für diese fabelhaften sechs genannt. Pia Händler, die schmerzfrei aus einem Monolog, in dem der Autor im schwer pubertierenden Duktus Vagina und Sex erkundet, ein hinreißendes Solo gestaltet. Und Steven Scharf, dessen Rückkehr nach München nicht genug bejubelt werden kann.

„Lapidarium“ bezeichnet übrigens eine Sammlung von Steinskulpturen, wie sie auf Friedhöfen, etwa dem Alten Südfriedhof, zu finden ist. Viel mehr Leben steckt in diesem Abend leider auch nicht. Das ist traurig.MICHAEL SCHLEICHER

Nächste Vorstellungen

am 20. Oktober und
am 13., 19. November;
Telefon 089/21 85 19 40.

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