Der natürliche Star

von Redaktion

Zum Tod von Hollywood-Ikone Diane Keaton

Hommage an die Lebenspartnerin: Woody Allen drehte mit und für sie „Der Stadtneurotiker“. © United Artists

Einen neuen Typ Frau schuf Diane Keaton (1946-2025) fürs Kino. © Chris Pizzello

Eigentlich wollte Diane Keaton Sängerin werden, ihr Vorbild ist Judy Garland. Mit 22 landet sie eine Rolle im Hippie-Musical „Hair“, allerdings überzeugt sie weniger mit ihrer Stimme als durch ihre Präsenz und erwirbt sich den Ruf, die „ausgeflippeste Schauspielerin der Branche zu sein“, wie sich Keaton später erinnert. Sie ist ein Charakter, der auffällt. Unter anderem Woody Allen, der für sein Theaterstück „Play it again Sam“ eine Hauptdarstellerin sucht. Er hat Bedenken, weil Keaton fast zehn Zentimeter größer ist als er selbst, aber ihr Talent für Komik überzeugt ihn: „Es ist egal, was sie sagt. Wie sie es sagt, ist komisch.“

Das Stück verschafft ihr einen Namen, Diane Keaton wird 1972 für den Klassiker „Der Pate“ besetzt. Sie hat es geschafft, aber Keaton selbst hält sich für eine bestenfalls mittelmäßige Schauspielerin. Sie ist davon überzeugt, dass nur geniale Regisseure und brillante Kollegen sie ins beste Licht rücken können. Was sie allerdings auf jeden Fall besser kann als jede andere Schauspielerin, ist – Diane Keaton zu sein. Sie ist eine Marke, und zwar von Anfang an.

Woody Allen erkennt ihr Potenzial und wird ihr Lebensgefährte. Für sie macht er 1977 den „Stadtneurotiker“ (im Original ist der Titel Keatons echter Name: Annie Hall) zur Hommage an die Partnerin. Keaton bekommt dafür völlig verdient den Oscar und kreiert einen neuen Typ Frau im Kino. Smart, leicht verpeilt, völlig unabhängig. Keatons Marotte, Männerklamotten zu tragen, löst eine Modewelle aus. Sie ist endgültig ein Weltstar und hat ein schlechtes Gewissen. Weiterhin hält sie sich für eine mittelmäßige Schauspielerin, die davon profitiert, mit herausragenden Männern in Szene gesetzt zu werden. Ein ironischer Widerspruch für eine Frau, die viel Wert auf Selbstbestimmung legt und privat darauf besteht, nicht im Schatten eines Mannes leben zu wollen.

Diane Keaton kann das Paradox auch nicht auflösen – alle ihre Lebensgefährten waren dominierende Figuren, neben Woody Allen auch Warren Beatty und Al Pacino. „Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen oder das Rätsel der Liebe lösen. Aber versuchen sollte man es“, schreibt Keaton in ihren lesenswerten Memoiren. Deswegen erzählt sie berückend offen unter anderem von der schmerzhaften Beziehung zu ihrem Bruder, der unter psychischen Problemen und Alkoholsucht leidet. Für Keaton ist diese Offenheit die natürlichste Sache der Welt. Sie in Interviews in Verlegenheit zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Als sie nach mehreren Flops Mitte der Neunzigerjahre ein sensationelles Comeback feiert, hat sie sich emanzipiert von den Zwängen der Traumfabrik. Sie genießt, wenn es läuft, aber sie ist nicht mehr vom Erfolg abhängig. Sie adoptiert zwei Kinder und erlebt dadurch, wie sie sagt, das erste Mal, wie sich echte, bedingungslose Liebe anfühlt. Wenn Keaton keine Filme dreht, kauft sie in Kalifornien alte Häuser auf, renoviert diese und verkauft sie mit Gewinn. Damit verdiene sie mehr als mit Filmen, sagt Keaton gern, und mehr Spaß mache es auch. Nebenbei setzt sich sehr ernsthaft für den Erhalt historischer Gebäude ein, produziert und inszeniert Filme und wiederholt beständig: Nein, sie weiß auch nicht wie das geht mit dem Altern in Würde.

Seit sie in ihrem dritten Karrierefrühling aufgeräumte Seniorinnen spielt, die das Leben in vollen Zügen genießen und alterweise über die Blödheit der Jüngeren hinweglächeln, muss sie so etwas ständig erklären. Wie sie mit dem gnadenlosen Zwang zur ewigen Schönheit, zumal als Frau im Filmgeschäft, leben kann, das kann auch Keaton nicht sagen. Sie selbst kommt ja schlecht damit zurecht, alt zu sein. „Ich würde gern sagen, dass ich darüberstehe. Aber ich tue es nicht.“ Und auch dass sie ihre erste Kino-Nacktszene mit 57 Jahren in „Was das Herz begehrt“ spielt, kommentiert sie im Keaton-Stil: „Ehrlich, interessiert das irgendjemanden wirklich?“ Nun ist sie mit 79 Jahren gestorben. Die Ursache ist noch unbekannt, die Familie bittet um Wahrung der Privatsphäre. Es gibt niemanden, der ihr nachfolgen kann. Nur Diane Keaton konnte schließlich wie Diane Keaton sein.ZORAN GOJIC

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