URAUFFÜHRUNG

Lass dich überraschen

von Redaktion

Die Mozart-Variante „Der tollste Tag“ am Gärtnerplatz

Zwischen Liebe und Barrikadenkampf: Figaro (Daniel Gutmann, li.) mit Cherubin (Paul Clementi) in Johanna Doderers neuer Oper. © Markus Tordik

Die Vergleiche liegen auf der Hand. Das bringt eine Oper eben mit sich, wenn sie auf dieselbe Vorlage zurückgreift wie Mozarts „Le nozze di Figaro“. Ganz so einfach sollte man es sich aber nicht machen. Denn mit „Der tollste Tag“ liefert Komponistin Johanna Doderer eine spannende neue Sichtweise auf die bekannte Geschichte und bietet einen überraschenden Twist, der in der Premiere manche stutzen ließ.

Für die Österreicherin ist es die dritte Uraufführung am Gärtnerplatztheater, dessen Ensemble mit ihrer Tonsprache inzwischen bestens vertraut ist. Das beginnt bereits im Graben, wo Dirigent Eduardo Browne das Tempo hoch hält und klar macht, dass man es eben nicht nur mit einer locker-flockigen Komödie zu tun hat, sondern das Ganze oft am Rande eines Vulkans balanciert. In knackigen 100 Minuten gibt es da viele eingängige Melodien, die dem Ohr schmeicheln. Hin und wieder auch Johann Strauß-Anklänge oder launiges Kastagnetten-Geklapper, das dem Schauplatz Sevilla geschuldet ist. Aber wenn es emotional ans Eingemachte geht, lässt es Doderer in den Streichern auch mal knarzen oder in bester Britten-Manier dramatisch wogen.

Dass Textdichter Peter Turrini das Gedankengut der Franzöischen Revolution in seiner Überschreibung von 1972 deutlich handfester verbalisierte, als dies zu Beaumarchais‘ oder Mozarts Zeiten möglich war, wird niemanden wundern, der mit dem Werk des österreichischen Dramatikers vertraut ist. Und die Nachwehen der Achtundsechziger sind auch nach der Umarbeitung zum Opernlibretto zu spüren. Da darf Daniel Gutmann seinen Figaro nicht nur als bauernschlauen Spaßmacher anlegen, sondern mit virilem Bariton die Wut des Arbeiterstandes spürbar machen. Eine Qualität, an der es auch Anna-Katharina Tonauers farbenreichem Mezzo nicht mangelt. Sie singt eine durch und durch selbstbewusste Susanna, die sich nicht in die Opferrolle fügt und bei den Avancen des Grafen die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten neu ordnet.

Tonauer ist keineswegs die einzige starke Frau auf der Bühne. Auch Ensemble-Neuzugang Réka Kristóf kann sich als Gräfin Almaviva mit tragfähigem Sopran behaupten. Nicht zu vergessen Anna Agathonos als Marcelline, der die Komponistin eine dankbare Solo-Szene gönnt und sie zur heimlichen Drahtzieherin des Dramas aufwertet. Je weiter der Abend voranschreitet, umso weiter entfernt man sich von der bekannten Handlung, was vor allem die Figur des Grafen betrifft.

Schlossherr Almaviva ist nämlich kein oberflächlich gezähmter Don Juan, der sich in seine wilden Jahre zurücksehnt. Regisseur Josef E. Köpplinger macht ihn vielmehr zu einer skurrilen Karikatur im Fetisch-Outfit. Was Tenor Daniel Schliewa nicht davon abhält, mit gestählten Stimmbändern immer wieder heldenhafte Töne in den Raum zu stellen. Ein cleverer Kontrast zum hier als Sprechrolle angelegten Pagen Cherubin, dem Paul Clementi mit jugendlichem Überschwang charmantes Profil verleiht.

Wie im jüngst wiederaufgenommenen Kassenschlager „Les Misérables“ blickt das Publikum auf eine Art Barrikade. Gebaut aus ineinander verschachtelten Kisten, Bettgestellen und Türrahmen, die zwar den Grafen aussperren, vom Rest des Ensembles aber merkwürdigerweise meist ignoriert und im Laufschritt umrundet werden. Köpplinger setzt in seiner flott getakteten Inszenierung vor allem auf Tempo, hinter dem dann allerdings die intimeren Momente bis auf wenige, bewusst gesetzte Ruhepole etwas zurückstehen müssen. Selbst die Sado-Maso-Handlungen bleiben nur flüchtige Andeutung. So wie der finale Ruf nach Revolution, der seltsam verpufft. Dank der detailverliebten Rokoko-Kostüme von Birte Wallbaum gibt es viele Schauwerte geboten. Beispielsweise Marcellines aus Banknoten geschneiderter Unterrock. Aber das Abgründige muss das jubelnde Publikum eher zwischen den Zeilen suchen. Hier dürfen kommende Inszenierungen dieses neuen „Figaros“ gerne noch mehr Salz in die Wunden streuen. TOBIAS HELL

Weitere Vorstellungen

am 18. Oktober, 9., 21., 23. November; Telefon 089/ 21 85 19 60.

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