Einfach mal machen

von Redaktion

Bernadette Gottlieb über ihr Kreativbuch, Talent und Thomas Manns Bär

„Jeder kann zeichnen“, sagt die Künstlerin Bernadette Gottlieb. © Gottlieb

Fury auf dem Marienplatz: Im Zentrum von Bernadette Gottliebs neuer Graphic Novel steht ein Mädchen, das vom Geist des Bären aus dem Haus von Thomas Mann begleitet wird. Die Idee kam der Künstlerin nach ihrer Lesung im Münchner Literaturhaus. © Bernadette Gottlieb

Ernsthaft? „Jeder kann zeichnen“, ist Bernadette Gottlieb überzeugt. Und sie muss es wissen: Sie hat die Kunst zu ihrem Beruf gemacht. Vor drei Jahren erschien bei der Edition Moderne ihre erste Graphic Novel „Treiben“, damals noch unter ihrem Geburtsnamen Schweihoff. Auf der ersten Ebene erzählt die Künstlerin darin von einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok. Auf der zweiten und dritten Ebene geht es um eine Reise ins Innere ihrer Protagonistin. Das ist klug, unterhaltsam, sinnlich. Ein aufregendes Debüt (wir berichteten). Derzeit arbeitet die 40-Jährige an „Fury“, das Buch spielt in München und erscheint 2026. Zuvor hat Gottlieb jetzt das Kreativbuch „100 starke Charaktere“ vorgelegt – ein Buch, das seinen Leserinnen und Lesern Mut macht, selbst zum Stift zu greifen. „Das Ziel meiner Arbeit ist, Menschen durch Kreativität zu verbinden, ihnen zu helfen, sich in Sprache und Bildern auszudrücken, zum Nachdenken anzuregen und Muster aufzubrechen“, sagt sie.

Ich erinnere mich an einen Kunstlehrer in der 7. oder 8. Klasse: Als ich ihn fragte, was ich an meinem Bild verbessern könnte, meinte er, ich solle mit einem lauten Aufschrei aus dem Fenster springen. Der Zeichensaal war im fünften Stock der Schule. Was hätten Sie an meiner Stelle getan?

Noch mehr davon gezeichnet und vorgelegt. Das erinnert mich sehr an meine Großeltern, die mir mit sieben Jahren einen Brief geschrieben haben, nachdem ich ihnen meinen ersten zehnseitigen Comic geschickt habe. Darin stand, wie außerordentlich sie sich für meine Rechtschreibung geschämt und dass sie den Comic sofort verbrannt hätten. Nächstes Jahr kommt nun meine zweite Graphic Novel „Fury“ heraus.

Kann jeder Mensch zeichnen?

Klar! Jeder, der Lust und Freude am Zeichnen hat, kann zeichnen. Ein Blatt Papier nehmen, einen Stift und einfach mal beim Telefonieren nebenbei kritzeln. Das ist schon mal der Anfang, und dann heißt es dranbleiben und üben. Ich muss da immer an David Shrigley denken, der sich als „der hässlichste Zeichner der Welt“ bezeichnet und der mit seiner Kunst nicht nur Spaß hat, sondern auch noch super erfolgreich ist. Er ist einfach drangeblieben. Also: „Go for it“. (Lacht.)

Im Buch zeigen Sie, wie man im Alltag Inspiration entdecken kann. Sind Sie immer mit Zeichenblock und Stift unterwegs?

Ja, allein deswegen muss ich schon in die Physiotherapie gehen, weil ich immer zu viele Zeichenmaterialien mit mir herumschleppe! Es könnte ja sein, dass es was super Interessantes zum Festhalten gibt, und dann habe ich am liebsten Buntstifte, Aquarellwachsmalkreiden und Gouachefarben dabei. Dazu noch ein Skizzenbuch und meist noch einen größeren, glatten Aquarellblock – je nachdem, ob es etwas für einen Comic, ein Bilderbuch oder ein Kreativbuch ist. Oder ob ich eine Idee für meine Studierenden festhalte.

Wie kreativ kann es in einem Wartezimmer beim Zahnarzt zugehen? Dem Praxisbesuch widmen Sie in „100 starke Charaktere“ mehrere Seiten …

Mein Zahnarzt hat mir vor der Behandlung die ganzen Werkzeuge gezeigt, die mir blühen könnten, wenn ich nicht brav weiter meine Zähne gut putze. Ich glaube, ich habe Zahnseide-Figuren vergessen? Zuerst flossen, dann putzen und dann zeichnen. (Lacht.)

Wen wollen Sie mit dem Buch erreichen? Laien? Angehende Profis?

Das Buch ist für alle, die Lust und Freude am Zeichnen haben. Für Anfängerinnen und Fortgeschrittene. Für Klein und Groß, Alt und Jung. Meine Freundin aus Belgien schrieb mir, dass sie es für ihre Unikurse benutzen wird, da es auch ohne Sprachkenntnis funktioniert. Das hat mich sehr gefreut, da dies auch meine Intention war.

Sie arbeiten derzeit an der Graphic Novel „Fury“, zu der Sie 2022 nach Ihrer Lesung im Münchner Literaturhaus inspiriert wurden. Wie kam es dazu?

Dort ist mir ein Bär in einem Glaskasten begegnet. Der Bär von Thomas Mann. (Das ausgestopfte Tier war 1869 in den Haushalt des Schriftstellers gekommen, als Hochzeitsgeschenk von „Onkel und Tante Sievers in St. Petersburg“, der Schwester von Thomas Manns Vater und ihrem Mann; Anm. d. Red.) Ich habe mir Fragen gestellt: Was der Bär da wohl macht, wie er dort hingekommen ist und wie er wohl seine Heimat verloren hat. „Fury“ ist ein Werk, das sich zwischen persönlicher Erzählung und politischer Reflexion bewegt. Die Geschichte ist zugleich zeitgeschichtlich verortet und gegenwartsbezogen. Sie reflektiert die Erfahrungen von Exil und Heimatlosigkeit im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der Shoah. Erzählt wird von einem kleinen Mädchen namens Fury und einem ausgestopften Bärengeist, der einst im Haus der Familie Mann lebte.

Bernadette Gottlieb:

„100 starke Charaktere“. Haupt-Verlag, Bern, 160 Seiten; 24 Euro.

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