Am Pult von Pygmalion: Raphaël Pichon (40), Dirigent und früher Countertenor. © PS Music
Am Ende der Zeiten, wenn der Schmerz besiegt ist, der eigene Tod, auch der Tod aller anderen und das Jüngste Gericht getagt hat, dann ist da nur noch Friede. Ein Stillstand, ewige Ruhe – Johannes Brahms lässt sein Opus nicht einfach enden. Alles scheint, und so hat man es kaum je vernommen, auszuatmen, zu sich zu kommen. Noch einmal erheben sich Solo-Stimmen von Klarinette, Oboe und Flöte, spinnen weiter, was der Chor lediglich andeutet. Das Paradies? Es muss sich so anhören wie auf dieser Einspielung.
Grandioses für die Gedenktage
Dabei ist doch alles musikalisch gesagt worden über das Deutsche Requiem – denkt man zumindest. Die CDs sind nicht zu zählen. Aber hier, in dieser grandiosen Neuaufnahme, geht es gar nicht darum, einen neuen Akzent, eine besondere Hervorhebung, einen Tempowechsel vorzuführen, etwas also, das noch keiner riskiert hat. Bei Raphaël Pichon geht es wie immer um anderes: ums Erfühlen, ums Erfüllen, um ein natürliches Erspüren und Abbilden von Inhalten – das Inszenieren von Musik überlässt der Franzose anderen. Auch im dramatischsten Moment des Stücks, im wilden Sieg über den Tod. Kein Takt gerät ins Schwitzen; es ist eine Intensität, die von innen nach außen drängt.
Pichon, der mit seinem Salzburger Projekt über Mozarts „Zaide“ für den Höhepunkt des vergangenen Festspielsommers sorgte, beschränkt sich mit Chor und Orchester von Pygmalion längst nicht mehr auf Barockes und Wiener Klassik. Vor einigen Jahren hat er Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias“ eben nicht als verkappte Oper begriffen. Diesen Herbst tourt er mit einem Brahms-Programm durch Europa, in dem er Motetten mit der ersten Symphonie koppelt. Das Deutsche Requiem hat er 2024 in mehreren Städten aufgeführt, rechtzeitig vor den herbstlichen Gedenktagen ist nun die Aufnahme erschienen.
Mit den 2006 gegründeten Klangkörpern von Pygmalion ist Pichon längst in den Interpreten-Olymp vorgestoßen. Wenn sich John Eliot Gardiner einst zur Ruhe setzt, wird Pichon seinen Thron besteigen – gerade weil er Ensemblemitglieder von Ausnahmerang um sich sammelt. Immer mehr buchen auch traditionelle Orchestertanker Pichon, im kommenden April ist er zum Beispiel wieder bei den Münchner Philharmonikern.
Natürlich hört man, dass dieser Dirigent in der historischen Aufführungspraxis sozialisiert wurde. Aber auch sein Brahms-Requiem ist längst darüber hinaus und nimmt das „nur“ als Basis. Schlanker, flexibler, schlackenloser Klang, das ist selbstverständlich. Bei Pichon zusätzlich Delikatesse, ein feines Stilbewusstsein, der Wille zur Transparenz auch in großen Fugen-Ballungen. Ungewohnt sind dagegen die extremen Tempi-Unterschiede. Als ob sich die Musik erst ihrer selbst gewiss werden muss, so setzt sich der erste Satz in Bewegung. „Denn alles Fleisch“ ist ein Trauermarsch, der fast auf der Stelle tritt. Umso entspannter, zügiger „Wie lieblich sind deine Wohnungen“.
Auch der letzte Satz startet überraschend flott. Pichon, der ehemalige Countertenor, ist da ganz Praktiker. Mit Beethovens Missa Solemnis ist das Brahms-Requiem die konditionsraubendste Literatur für den Chor. Fast jedes Ensemble singt im Finale auf der Felge. Durch den federnden Duktus vermeidet dies Pichon, lässt alles wie fein ausgehörte Kammermusik klingen – um dann alles zu beruhigen und in eine andere, unsagbare Dimension vorzustoßen.
Stéphane Degout gestaltet seine Bariton-Soli mit umwölkter Virilität. Sabine Devieilhe, führende lyrische Sopranistin, singt „Ihr habt nun Traurigkeit“ als herzangreifendes, nie tränenseliges Lied. Dass die Totenmesse aus der (protestantischen) Sicht eines Brahms nicht nur Trauer, sondern Trost verbreiten will, ist bekannt. Man muss das freilich so zum Klingen bringen wie auf dieser Aufnahme. „Ewige Freude“, so heißt es im Bibeltext, tönt bei Pichon auch nach Ausgelassenheit. Und der Blick nach drüben ist bei ihm einer der Zuversicht, der Gewissheit, dass sich nach dem Ende alles löst und klärt. Mozart hat einst vom Tod als „wahren, besten Freund des Menschen“ geschrieben. Diese Brahms-Aufnahme gibt mehr als eine Ahnung davon.MARKUS THIEL
Johannes Brahms:
Ein Deutsches Requiem. Sabine Devieilhe, Stephane Degout, Pygmalion, Raphaël Pichon
(harmonia mundi).