Barrie Kosky, vielgefragter Theatermacher. © S. Stache
„Für mich ist es das perfekte Familienstück“: Am kommenden Samstag hat die Oper von Nikolai Rimski-Korsakow Premiere im Nationaltheater. Vladimir Jurowski dirigiert. © Geoffroy Schied
Ein Schmied, der seiner Geliebten die Schuhe der Zarin bringt und sich vom Teufel helfen lässt: „Die Nacht vor Weihnachten“ von Rimski-Korsakow vermischt Märchen und Mythen, Folklore und Komödie. Die schillernde, überschäumende Oper ist die passende Kost für Barrie Kosky. Seine Inszenierung kommt am 29. November an der Bayerischen Staatsoper heraus (vollständiges Interview unter merkur.de/kultur).
Keiner kannte hierzulande Rimski-Korsakows Oper, bis 2021 Frankfurt das Stück in der Regie von Christof Loy mit überwältigendem Erfolg herausbrachte…
…es ist seit 20 Jahren auf meiner Liste. Und dann war Christof mit der Wiederentdeckung vor mir dran! So ein Mist! (Lacht.)
Ist das ein gefährliches Stück für Sie? Weil es zu viele szenische Angebote macht?
Es ist ein Geschenk. Und es ist ein bisschen wie Smetanas „Verkaufte Braut“. Eine ehrlich erzählte Geschichte aus dem Volk. Darüber darf man sich nicht lustig machen. Die Musik ist wunderbar volkstümlich, ein osteuropäischer Mix aus Lebenslust und Melancholie. Vorlagedichter Nikolai Gogol stammte aus der Ukraine und variierte auf seine Art die ukrainische und russische Tradition. Rimski-Korsakow benutzte ukrainische Volksmelodien und brachte diese mit russischen Elementen zusammen. Diese Oper ist eine Metapher für die Beziehung zwischen ukrainischer und russischer Kultur. Das finde ich schön, gerade in unserer Zeit.
Welche Rolle spielt das für die Inszenierung?
Es gibt bei uns Zitate russischer Kultur. Und eine Mischung aus Fantasie und Realität. Wir vermischen auch die ästhetischen Stile – ein Spiegel von Rimski-Korsakows Musik. Es ist keine Weihnachtsbaum-Oper. Der Titel bezieht sich auf die Wintersonnenwende. Ein mystisches Thema. Der Teufel ist kein deutscher Mephisto, sondern ein charmanter russischer Teufelsclown. In den letzten beiden Minuten umarmt Rimski-Korsakow das Publikum. Voller Wärme. Eine Weihnachtsumarmung.
An wen richtet sich also diese Oper?
Für mich ist das ein Familienstück. Perfekt für jüngere Zuschauer, weil die Szenen nicht lang sind. Die Musik hat eine unglaubliche Brillanz und Schönheit. Ich inszeniere das als Theater im Theater. Und es ist wie im Zirkus. Es gibt Akrobaten, Tänzer, der Schnee kommt aus dem Eimer des Teufels. Eine einfache, unprätentiöse Welt. Diese Oper braucht das. Man kann sie ganz leicht kaputtinszenieren, indem man die Regie-Faust benutzt. Die Geschichte ist verrückt genug, deshalb darf man sie nicht interpretieren.
Sie zählen nur Vorteile dieses Stücks auf. Warum wird es dann so selten gespielt?
Rimski-Korsakow hat 15 Opern geschrieben. Sieben oder acht davon sind Meisterwerke. Die sollten alle im Repertoire eines jeden großen Hauses sein. Ständig werden Tschaikowskis „Eugen Onegin“ oder „Pique Dame“, vielleicht noch „Mazeppa“ oder „Iolanta“ gespielt. Aber Rimski-Korsakow? Ein unglaublicher Theatermann. Ich glaube, es liegt an den Intendanten und an den Dirigenten. Vielleicht gibt es langsam eine Renaissance dieses Komponisten. Ich habe übrigens Freunde, die nichts mit Tschaikowski anfangen können. „Zu emotional, zu sentimental“, sagen sie.
Deutsche?
Genau. Dabei ist doch jeder Takt von „Eugen Onegin“ ein Schlag ins Herz. Und Richard Strauss und Richard Wagner sind Emotion pur.
Bewegt sich das Regie-Pendel gerade zurück zum Sinnlichen, zum Emotionalen?
Gott sei Dank. Wobei ich das nicht so schwarz-weiß sehen würde. Ich bin keiner, der sagt: Wir haben zu lange unter dem Regietheater gelitten. In den vergangenen Jahrzehnten gab es viele sensationelle Arbeiten. Peter Konwitschnys „Lohengrin“ in Hamburg zum Beispiel ist der beste „Lohengrin“ aller Zeiten. Punkt. Aber manchmal dachte man bei einigen Regisseuren, sie hassen die Kunstform Theater – und die Zuschauer. Es ist total wichtig, dass es eine Vielfalt von Regie- und ästhetischen Sprachen gibt. Aber egal ob Naturalismus oder Abstraktion: Ich muss die Verbindung zwischen Bühne und Zuschauerraum fühlen. Man kann gleichzeitig intellektuell und emotional sein.
Wird das Theater angesichts der politischen Lage immer mehr zum Schutzraum?
Das Theater ist für mich der große Überlebende. Als das Grammophon erfunden wurde, als das Kino kam, das Fernsehen, der Live-Stream im Internet, da hat man das Ende des Theaters prophezeit. Nie ist das eingetreten. Im Gegenteil: Je mehr wir uns einer technologischen Dystopie nähern, desto wichtiger werden Theater, Oper, Konzert und Ballett. Zusammen mit Kirche, Moschee und Synagoge ist dies das einzige Gemeinschaft stiftende Ritual. Deshalb ist es unsere Pflicht, das Publikum auf eine Abenteuerreise mitzunehmen. Das ist der kosmische Handschlag zwischen Bühne und Zuschauerraum.
Ist so ein Märchen für Sie eine kleine Flucht aus den anderen Opernstoffen?
Ich mache als Nächstes „Lady Macbeth von Mzensk“ in Berlin, dann den „Siegfried“ in London. Deshalb ist es schön, in München sechs Wochen lang etwas zu proben, mit dem ich keine große gesellschaftspolitische Erklärung präsentiere.
Klingt so, als ob „Siegfried“ keinen Spaß macht.
Einen anderen! Außerdem: Ich verbringe in München ja keinen Regie-Urlaub. Ich habe mir für die kommenden Jahre anderes vorgenommen. „Hotel Metamorphosis“, das Salzburger Vivaldi-Pasticcio in diesem Sommer, bedeutete für mich einen Bruch. Die Collage führte mich zu meinen Anfängen zurück. Ich möchte neue Formen ausprobieren. Nur große Operntitel, diese Zeit ist für mich ein bisschen vorbei.