NACHRUF

Kier Royal

von Redaktion

Der deutsche Hollywood-Star ist mit 81 Jahren gestorben

Legenden: Udo Kier (l.) und Helmut Berger (1944-2023) beim Dreh von „Das fünfte Gebot“ (1978). © Horst Ossinger/dpa

Er ist ein Rätsel geblieben: Udo Kier (1944-2025). © Valery Hache/AFP

Es gibt fast nichts, was Udo Kier in seinem erstaunlichen Leben nicht ausprobiert hat. Er tauchte in Meisterwerken des Kinos ebenso auf wie in Schrottfilmen, er synchronisierte, wirkte an Computerspielen mit, war im Fernsehen zu sehen, in Musikvideos und nahm Platten auf. Auf beinahe 300 Auftritte brachte er es in 60 aktiven Jahren. Sein Wettbewerbsvorteil: Udo Kier war sich für nichts zu schade und nahm sich nicht allzu ernst. Am Sonntag ist er im kalifornischen Palm Springs im Alter von 81 Jahren gestorben.

In Trash-Klassikern wie „Barb Wire“ oder „Iron Sky“ zu spielen, machte ihm ebenso Spaß wie gehobenes Kunsthandwerk mit Edelregisseuren wie Lars von Trier oder Gus Van Sant. Kier war nicht wählerisch und wusste zu schätzen, dass ihm der Schauspielberuf, der ihn aus dem zerbombten Köln bis nach Hollywood führte, ein gutes Leben ermöglichte.

Als uneheliches Kind wächst er in einfachsten Verhältnissen auf und schlägt sich zunächst mit Aushilfsjobs durch. Aber der atemberaubend gut aussehende Junge fällt auf, posiert bald als Model. Er landet in London, ändert seinen Nachnamen von Kierspe ins eingängigere Kier, nimmt Schauspielunterricht und landet in bizarren Machwerken, die „Hexen bis aufs Blut gequält“ oder „Spermula“ heißen. Mit dem als „Andy Warhols Dracula“ und „Andy Warhols Frankenstein“ vermarkteten Horrorkitsch bringt es Kier Mitte der Siebziger in interessierten Kreisen zu Berühmtheit. Gleichzeitig gelingt es ihm, bei Meilensteinen des Kinos mitzuwirken. Nebenrollen, mitunter sogar nur Mini-Auftritte, aber er erarbeitet sich den Status „Kult“.

Anfang der Neunziger holt ihn Gus Van Sant für das Stricher-Drama „My Private Idaho“ in die USA, Kier hat eine Sexszene mit Keanu Reeves und ist nach eigenem Bekunden zum ersten Mal etwas nervös. In Hollywood wird er fast durchgehend beschäftigt, was für einen Außenseiter wie ihn ein sensationeller Erfolg ist. Dabei habe er niemals einen Karriereplan verfolgt, beteuert Kier später. Er taucht in Blockbustern wie „Armageddon“ oder „Blade“ auf, aber eben auch in kleinen, feinen Juwelen wie „Shadow of the Vampire“ mit John Malkovich und Willem Dafoe. Dazwischen packt er unverkrampft einen „Polizeiruf 110“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“ oder „Ein Concierge zum Verlieben“ mit Michael J. Fox. Kier nimmt jedes Projekt ernst, auch wenn ihm sehr bewusst ist, dass er in Hollywood oft als Klischee besetzt wird. Damit kann er leben und sogar darüber lachen. Wer Kier bestellt, bekommt Kier, da stellt sich der Mann nicht an. Dabei gelingen ihm in schöner Regelmäßigkeit tolle Auftritte.

Als ihm das Filmfest München 2014 den Preis fürs Lebenswerk überreicht, rümpfen manche die Nase, aber die haben keine Ahnung. Über ein halbes Jahrhundert in diesem gnadenlosen Geschäft präsent zu bleiben und die Arbeit mit Leuten wie Christoph Schlingensief, Dario Argento oder Michael Bay unbeschadet zu überstehen, ist eine Leistung, die man gar nicht überschätzen kann.

Selbst Menschen, die nie ins Kino gehen, kennen Kiers Gesicht. Das ist das eigentliche Wunder: Dass ein Schauspieler, der stets bizarre Vorstellungen abgeliefert hat, Allgemeingut geworden ist. In seinen seltenen Interviews präsentiert sich ein abgeklärter Mann, der seine Karriere sehr genau einzuordnen weiß und der über einen manchmal düsteren Humor verfügt. Über sein Privatleben hat Kier im Grunde nie gesprochen, für ihn war das irrelevant. Erst spät und beiläufig hat er sich zu seiner Homosexualität bekannt.

Nun ist der Mann, der mutmaßlich mehr schockierende Filmmomente anhäufen konnte als jeder andere seiner Hollywoodkollegen, gestorben. Er ist ein Rätsel geblieben, bei dem man nie wusste, was hinter diesen großen, ausdrucksstarken Augen wirklich vorgeht. ZORAN GOJIC

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