UNSERE KURZKRITIKEN

Feinfühlig – auch aus der Distanz

von Redaktion

Im Roman „Hedwig“ tastet sich Christoph Poschenrieder an seine eigene Familiengeschichte heran. Seine Großtante Hedwig bleibt zeitlebens unverheiratet, arbeitet als Grundschullehrerin auf dem Land. Es ist ein stilles, einsames Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch schon in jungen Jahren meldet sie sich immer häufiger krank. Der Pfarrer sieht in ihr eine verirrte Seele, der Arzt eine Nervenkranke – und die Familie versteht sie nicht. Unter der NS-Diktatur schließlich ist sie als psychisch kranke Frau ihres Lebens nicht mehr sicher. Selbst nach ihrem Ableben bleibt es merkwürdig still um sie. Nur mittels Briefen in der Familie hat der Autor das Schicksal seiner Großtante recherchiert und feinfühlig und stark nacherzählt. Auch wenn Fräulein Hedwig oft auf Distanz und verschwommen bleibt, kann man zwischen den Zeilen das Mitgefühl und auch die Empörung des Schriftstellers spüren über das, was ihr widerfahren ist.ELK

Christoph Poschenrieder:

„Fräulein Hedwig“. Diogenes, 336 Seiten; 25 Euro.


★★★★☆ Lesenswert

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