In Reih und Glied (v. li.) Sabrina Ceesay, Isabell Antonia Hoeckel, Linda Bluemchen und Evelyne Gugolz. © Hupfeld
Sie kichern und winken, sie albern herum, zeigen den Mittelfinger, gestikulieren oder laufen ins Publikum, um Hände zu schütteln. Dann wieder turnen die vier Schauspielerinnen aufgekratzt durch das Spiegellabyrinth auf der Bühne, hängen kopfüber an Reckstangen, werfen die langen Zöpfe von rechts nach links und schneiden Grimassen. Was Kinder halt so machen, Kinder wie Twyla und Roberta in Toni Morrisons Erzählung „Rezitativ“, die jetzt im Marstall des Residenztheaters auf die Bühne kam.
Die beiden Mädchen verschiedener Hautfarbe haben sich als Achtjährige im Waisenhaus angefreundet. Während der nächsten 25 Jahre treffen sie an unterschiedlichen Stationen ihres Lebens immer wieder zusammen, wobei die Begegnungen stets unrund bleiben: mal übertrieben freundlich, mal distanziert, ja feindselig. Schließlich handelt dieses spröde Melodram der Literaturnobelpreisträgerin ja davon, wie in den USA der Fünfziger- bis Siebzigerjahre vor, aber auch nach dem Ende der Rassentrennung Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen untergründig schwelen. Folglich will sich die einstige kindliche Gleichgültigkeit gegenüber der je anderen Hautfarbe nicht mehr einstellen bei den beiden erwachsenen Frauen – wobei raffinierterweise eher unklar bleibt, welche die Weiße und welche die Schwarze ist.
Die wortlosen Passagen, die ganz auf Körpersprache setzen und damit die Unbefangenheit der Kindheit symbolisieren, sind das Beste an Miriam Ibrahims gekonnter, konzentrierter Inszenierung von „Rezitativ“. Sie vertreten stumm quasi das, was in der Oper die Arien wären, deretwegen man überhaupt hingeht. Den Rest, die faden Rezitative, muss man eben in Kauf nehmen…
Ganz so schlimm ist es an diesem Theaterabend irgendwo zwischen Turnstunde und großer Oper zum Glück nicht, denn die gesprochenen Szenen (teils chorisch, teils solistisch) fallen ebenfalls eindringlich aus. Was sie umso ungemütlicher macht, weil dadurch eben die Peinlichkeit menschlicher Begegnungen sichtbar wird – auch jenseits aller Schwarz-Weiß-Thematik.
Herzlicher Beifall.ALEXANDER ALTMANN
Weitere Aufführungen
am 16. und 28. Dezember.