Willkommen zu meinem Albtraum: Alice Cooper veranstaltete zum Höhepunkt der „Night of the Proms“ ein kleines bisschen Horrorshow. © Martin Hangen
Das ist neu. Anstatt akkurat aufgestellter Stuhlreihen gibt es in der Arena der ausverkauften Olympiahalle: Stehplätze. Wo sonst zu diesem Anlass gerne mal ganz gediegen ein Walzer getanzt wird, drängen sich die Besucher dicht an dicht. Ein Blick ins Publikum und auf die vielen Rock- und Metal-Shirts verrät: Viele haben sich wegen Alice Cooper an diesem nebelverhangenen Samstagabend auf den Weg gemacht. Der Altmeister ist der Star dieser „Night of the Proms“.
Einen Mangel an Promis gäbe es auch ohne den Erfinder des Schockrocks nicht. Joss Stone, die den ersten Solo-Auftritt des Abends absolviert, strahlt mit ihrem goldenen Abendkleid um die Wette. Stimmlich ist die Britin eh eine Sensation, und ihre beiden Songs „Right to be wrong“ und „You had me“ zelebriert sie auf zauberhafte Weise, barfuß, wie seit Beginn ihrer Karriere. Die 80er und augenscheinlich so manche Erinnerungen erwachen wieder, als Ex-Ultravox-Sänger Midge Ure „Dancing with Tears in my Eyes“ spielt. Michael Schulte ist als „deutscher Vertreter“ der aktuellen Charts mit dabei, unter anderem mit seinem ESC-Song „You let me walk alone“.
Das Konzept „Night of the Proms“ ist bestens erprobt. Seit 40 Jahren gibt es die Konzertreihe, in der Münchner Olympiahalle sind die „Proms“ seit 30 Jahren daheim. Klassik trifft Pop, Stars der Gegenwart und Ikonen, deren Live-Auftritte mitunter rar sind, treffen sich auf der Bühne. Den musikalischen Rahmen dafür schafft Alexandra Arrieche. Die Maestra aus Brasilien im atemberaubenden schwarzen Abendkleid dirigiert das Antwerp Philharmonic Orchestra mit ebenso viel Disziplin wie Charme, bei Mozarts „Lacrimosa/Dies Irae“, „Die Moldau“ von Smetana oder Tschaikowskys „Romeo und Julia“. Sie schlägt aber auch die Brücke zu den Pop- und Rocksongs, die den nötigen Wumms von der Band Backbone erhalten und in prachtvollem Gewand erstrahlen. „Played-a-live“ von Safri Duo mit Orchester? Bitte, unbedingt! Später werkeln sich die beiden Dänen eindrucksvoll durch „Carol of the Bells“, das sie an Xylofonen spielen.
Vanessa Amorosi, die bei den „Proms“ im vergangenen Jahr Dave Stewart‘s Eurythmics verstärkte, ist dieses Mal als Solo-Künstlerin dabei. Ihr Hit „Absolutely Everybody“ wird unterstützt vom großartigen „Proms“-Chor Fine Fleur zu einem üppigen Gospel-Stück. Was nur noch gesteigert wird, als die Australierin „Music“ von John Miles anstimmt, die Hymne der Konzertreihe. Der Chor schwillt schon bei den ersten Tönen auf 10 000 Stimmen an.
Moderator Markus Othmer, der entspannt durch den Abend führt, verspricht nicht zu viel: „Wir präsentieren Ihnen Popmusik aus drei Jahrhunderten“, sagt er, und ja, auch die klassischen Stücke verdienen das Prädikat populär. Selbst, wer kein Klassik-Kenner ist, hört hier bekannte Melodien. Und völlig neue Interpretationen. Michael Schulte und Joss Stone singen „Ordinary“ von Alex Warren. Schulte lässt sich von Vanessa Amorosi für ein Damen-Duett ablösen: Bei „Lady Marmalade“ und „It‘s raining Men“ können beide Sängerinnen ihre große Klasse zeigen.
Dann endlich kommt Cooper. Giftgrünes Licht und die ersten Takte von „Poison“ kündigen den 77-Jährigen an. Jetzt steht nicht nur die Arena: Ein aristokratisch gewandeter Alice Cooper mit Reitgerte reißt sie alle von den Sitzen. Mit Orchester und Chor spielt er „Might as well be on Mars“, eine Live-Premiere, wie er verrät. Seine vier Songs und das große Finale mit „Come together“ und allen Stars sind der würdige Abschluss dieser Jubiläums-„Proms“.KATHRIN BRACK