PREMIERE

Wir Albtraumtänzer

von Redaktion

Claus Guth inszenierte „Cabaret“ am Residenztheater

Sie tanzt, als gäbe es kein Morgen. So ist es auch, denn Finsternis zieht auf. Vassilissa Reznikoff als Sally Bowles in „Cabaret“ am Bayerischen Staatsschauspiel. © Monika Rittershaus/Residenztheater

Kürzen wir’s ab: Claus Guth ist mit „Cabaret“ am Residenztheater eine hinreißende Inszenierung geglückt. Es ist ein Abend, der herrlich unterhält. Ein Abend, der relevant ist. Ein Abend, der klug ist. Ein Abend also, der vorführt, was Theater zu leisten imstande ist.

Ein Musical am Bayerischen Staatsschauspiel – da ist die Fallhöhe enorm. Diese knapp drei Stunden (eine Pause), die am Freitag Premiere hatten, belohnen jedoch den Mut.

Die Geschichte ist rasch erzählt. Berlin, Anfang der Dreißigerjahre. Während draußen die Republik ihrem Untergang entgegentaumelt, wird im Kit Kat Klub um Sängerin Sally Bowles das Leben in all seiner Schönheit, Verrücktheit und Farbenpracht gefeiert: „Life is a Cabaret“. Hier, wo Dekadenz und Diversität einander umarmen, landet der US-Autor Clifford. Er verfällt – Reihenfolge beliebig – dem Kit Kat, Sally, dem Rausch, den vielen Möglichkeiten des Lebens, der Nacht, während die Nazis bald wirkliche Finsternis verbreiten werden.

Guth inszeniert einen Albtraumtanz, die niemals aus dem Takt gerät: Etienne Pluss hat ihm eine wunderbare Bühne gebaut, die bereits in den ersten Bildern zeigt, dass Realität hier eine Behauptung ist. Cliffords Hotelzimmer betreten die Figuren durchs Fenster, den Kühlschrank, aus der Matratze heraus, seltener durch die Tür. Nach der Pause verschwindet alles Heimelige, Geheimnisvolle, und Pluss reißt die Szenerie bis zur Brandmauer auf: So wie die Nazis Europa aufreißen werden; durch die Ödnis treibt Schnee.

Gerrit Jurdas stimmige Lichtführung unterstützt Regie und Ensemble ebenso wie das tolle Sounddesign von Mathis Nitschke. Erwähnt sei nur die Idee, den Auftakt des zweiten Teils mit dem Schleifgeräusch einer Plattenspielernadel in der Endlosrille einer LP zu unterlegen: Diese Party ist vorbei.

Musiziert und gesungen wird unter der Leitung von Stephen Delaney pointiert und mit Verve. Und schließlich sind da die Schauspielerinnen und Schauspieler. Im Musical werden Dialoge ja häufig als Füllmaterial bis zum nächsten Hit behandelt (wovon „Cabaret“ freilich einige hat), man muss sie halt hinter sich bringen. Hier dagegen nutzt jede und jeder Joe Masteroffs Text zur Menschengestaltung. Dabei gelingen realistische Porträts. Thomas Hauser und Michael Goldberg zeigen als junger und alter Clifford sehr empathisch die emotionale Achterbahn, durch die ihre Figur rauscht. Vassilissa Reznikoff macht eindrucksvoll klar, dass das Rampensau-Gen ihrer Sally auch Schutzschild ist. Vincent Glander ist als Conférencier irgendwo zwischen Freddie Frinton, dem Grinch und einem verlorenen Sohn der Addams Family zu verorten. Diesem Gastgeber folgt man gerne. Oder besser nicht?

Auch abseits der großen Parts gelingt Tolles. Erwähnt sei Cathrin Störmer, die erst berührend von Fräulein Schneiders zarter Verliebtheit erzählt, um schließlich ebenso nachvollziehbar zu machen, warum sich ihre Figur fürs Mitläufertum entscheidet. Robert Dölle erinnert durch die Gestaltung des Herrn Schultz daran, wie sicher und integriert sich ein Teil des deutschen Judentums in der Weimarer Republik fühlte. Ein tödlicher Irrtum – Dölle nimmt in einer leisen, schwer aushaltbaren Szene die Shoah vorweg. Durch diese und viele andere Momente zeigt diese Inszenierung mit eleganter Hand, was auf dem Spiel steht. Präsens, nicht Präteritum. Was derzeit, erneut auf dem Spiel steht.

Heftiger und langer Jubel, Standing Ovations. MICHAEL SCHLEICHER

Nächste Vorstellungen

am 16., 28. und 31. Dezember;
Telefon 089/21 85 19 40.

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