PREMIERE

Märchentraum im Taschenformat

von Redaktion

Die Kammeroper München präsentiert Humperdincks „Hänsel und Gretel“

Ganz klassisch wird das Stück erzählt, ohne demonstrative Brechungen: Laura Hemingway als Hänsel (li.) und Laura Thaller als Gretel in der Inszenierung von Dominik Wilgenbus. © Bernd Ferstl

Ein „Kinderstubenweihfestspiel“ nannte Engelbert Humperdinck ironisch seine Oper „Hänsel und Gretel“ als Anspielung auf den „Parsifal“, Wagners „Bühnenweihfestspiel”. Dass der Meister von Bayreuth das große Vorbild war, hört man der Musik in ihrer spätromantischen Üppigkeit an. Ein Märchen im orchestralen Vollformat – zumindest üblicherweise. Nicht so bei der Münchner Kammeroper im Cuvilliéstheater: Gespielt wird mit nur 13 Instrumentalisten, arrangiert von Aris Alexander Blettenberg, der den Abend auch musikalisch leitet. Was dabei verloren geht an Masse, gewinnt man an Beweglichkeit. Die Musik wird schlanker und durchsichtiger, dabei aber kaum ärmer. Spätromantische Farben erscheinen wie unter einem Vergrößerungsglas: weniger schwelgend, dafür sehr präzise konturiert.

Die Musiker sitzen dabei auf der Bühne und werden szenisch Teil des Geschehens. Blettenberg dirigiert von einem Harmonium aus – ein reizvoller Gedanke, der klanglich allerdings nicht so maßgeblich ins Gewicht fällt. Mit seinen Musikern gelingt ihm aber das spätromantische Tonfarbenmischen aufs Allerfeinste. Und auch die Tücken der ungewöhnlichen Aufstellung – die Sänger stehen die meiste Zeit mit dem Rücken zum Dirigenten – hat Blettenberg gut im Griff. Lediglich anfangs des ersten Bildes wirkt das Kammerorchester eine Spur zu präsent während der schalkhaften Spielereien der beiden Bühnengeschwister.

Sobald jedoch – nach einem etwas harmlosen Hexenritt – das zweite Bild anhebt und sich szenisch der nächtliche Wald öffnet, findet der Abend zur musikalischen Balance. Projektionen und Videos öffnen dazu den Raum weit nach hinten, schaffen atmosphärische Tiefen und flüchtige Traumlandschaften. Ein Gaze-Vorhang vor den Instrumentalisten stuft die Szene zusätzlich in der räumlichen Tiefe ab. Dadurch schaffen die Projektionen auch einen naturalistischen Rahmen von der Wohnstube bis zum Lebkuchenhaus. Regisseur Dominik Wilgenbus vertraut auf die Erzählkraft des Stücks und verlebendigt alles mit charmanter Personenregie. Die Märchenwelt bleibt dabei lesbar, ziemlich klassisch und wohltuend frei von demonstrativen Brechungen.

Ebenso wohltuend ist die junge Gesangsriege. Besonders einnehmend trumpft Laura Hemingway als Hänsel auf: schalkhaft im Spiel, mit mitreißender Mimik und einem warmen, beweglichen Mezzosopran, der mühelos trägt und stets verständlich bleibt. Laura Thaller – schauspielerisch blasser – ergänzt sie als Gretel mit hellem, im allerbesten Sinne mädchenhaftem Sopran, der gut zur Rolle passt, im Verlauf des Abends jedoch etwas an Frische einbüßt. Ljubomir Milanovic ist als Vater mit schneidig-markantem Bariton von starker Präsenz; Lucija Spevec gestaltet die Mutter stimmlich vor allem in der Mittellage kraftvoll, bleibt darstellerisch jedoch zurückhaltender. Veronika Seghers ist als Sand- und Taumännchen zwar ausgesprochen tonschön, doch etwas zu präsent. Vor dem „Abendsegen“ gibt es statt Gefühligem eher etwas viel Erheiterung. Ähnlich aus der dramaturgischen Kurve trägt es im dritten Bild auch die Hexe. Die ist zwar mit Tenor Luca Festner musikalisch sehr ansprechend besetzt, neigt jedoch ebenso zum abschweifend Komödiantischen.

Vieles ist sehr unterhaltsam, bringt aber das dritte Bild immer wieder um Spannung. Auch deshalb verpufft etwas der Schluss, den man an den heimischen Herd des prekären Familienlebens verlegt hat: Bei einer Kammeroper ist das nachvollziehbar, da der Chor der erlösten Kuchenkinder fehlt. Alles verschmerzbar angesichts der schönen Produktion: auch im Taschenformat wirklich große Oper.WILLI PATZELT

Vorstellungen

am 20., 21., 22., 23., 27., 28., 29. und 30. Dezember;
Telefon 089/ 93 60 93.

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