Cooler Virtuose: Guido Segers spielt Giuseppe Tartinis Trompetenkonzert, begleitet von Lahav Shani. © Tobias Hase
Haydn als Hauptsache, nicht als Aufwärmübung: Ganz selten passiert das. Was schade ist, die Symphonien sind schließlich viel zu komplex und kostbar. Man höre nur Nummer 92, die am Schluss eines Programms wie jetzt in der Isarphilharmonie eine völlig andere Wirkung entfaltet. Man muss die „Oxford-Symphonie“ freilich so spielen wie Lahav Shani und seine Münchner Philharmoniker. Der baldige Chef hat Humor, das hört man heraus. Fast alle Pointen Haydns werden genutzt. Hier ein Überfallsakzent, da eine herausmodellierte Kurz-Phrase, dort ein Off-Beat. Shani agiert zwischendurch, als habe er eine Klassik-Big-Band vor sich. Und doch ist er Ästhet, wie man besonders im langsamen Satz hört, keiner, der mit der Kratzbürste über die Partitur geht.
Noch ohrenfälliger wird das vor der Pause. Giovanni Gabrielis „Sonata pian ‘e forte“ intonieren die zweichörig postierten Blechbläser weich, mit musterhafter Rundung des Klangs. Strawinskys „Psalmensymphonie“ erlebt man langsamer, subtiler, delikater als in anderen Aufführungen. Das ginge drastischer, schärfer kanalisiert; hier wird alles zur Meditation, wo in den ruhigen Teilen jedem Harmoniewechsel nachgespürt wird. Dennoch eine dichte, intensive Wiedergabe, auch dank des Philharmonischen Chores. Der singt so homogen wie tiefenscharf – und bekommt mit der „Evening Hymn“ eine ungewohnte Aufgabe.
Das Stück ist im angelsächsischen Raum wohlbekannt, Komponist Henry Balfour Gardiner ist der Großonkel von John Eliot Gardiner. Shani selbst hat den Zehnminüter bearbeitet und die Originalfassung für Chor und Orgel auf Orchesterdimension ausgeweitet. Fantasievolle instrumentale Mixturen sind zu hören, der Chor bleibt plastisch auch im Leisen.
Und weil Weihnachten naht, müssen Trompetenklänge sein. Guido Segers aus den philharmonischen Reihen tritt für Giuseppe Tartinis Trompetenkonzert an die Rampe. Das hoch gelagerte Stück spielt er mit energiereichem Ton, extrem konturiert, Kantables darf gelegentlich auch sein. Dass Tartini ein Violinkonzert zum teils haarsträubend schweren Bläserstück umgearbeitet hat, merkt man Segers kaum an. Ein cooler Virtuose. MARKUS THIEL