Die tollkühnen Roboter

von Redaktion

Kraftwerk lassen im Münchner Zenith den Weihnachts-Kitsch vor der Tür

Teil der Multimedia-Show: Kraftwerk spielten vor satt bunten Leinwänden. © Johannes Löhr

In der Innenstadt ist sie gerade zu Ende gegangen, die Kakophonie des Einkaufs-Irrsinns am finalen Adventssamstag, beschallt von Kinderchören, Mariah Carey und Wham!. Da erhebt sich um kurz nach acht in der alten Eisenbahnhalle im Norden Münchens eine bekannte Stimme. „Meine Damen und Herren, Ladies änd Tschentelmenn“, knarrt sie teutonisch durchs Zenith. „Heute Abend: die Mensch-Maschine: Krrraftwerrrk.“

Auftritt Ralf Hütter und seine drei Mitstreiter – ein größerer Kontrast zum Kitsch im Kaufhaus lässt sich nicht denken als diese Institution kühler elektronischer Kopfgeburten. Wobei: Ein wenig routiniert ist sie ja schon, die Aufführung des Ewiggleichen – seit gut 20 Jahren hat sich die Song-Liste bei Konzerten kaum verändert. Band-Gründer Hütter, 79, ist sich bewusst, dass Kraftwerk längt im Kunst-Kanon angekommen sind. Entsprechend setzt er das Werk in Szene: 2024 machte er Schloss Schönbrunn in Wien zur Leinwand und projizierte seine Lichtshow auf die barocke Fassade – Weltkulturerbe auf Weltkulturerbe. Und von wegen Shopping: Das kann man hier auch. T-Shirts für 60 Euro und eine von Hütter handsignierte Vinyl-Ausgabe der LP „Autobahn“ für 100 Euro. Wertsteigerung garantiert.

Doch trotz all der Selbst-Musealisierung ist die Show beeindruckend. Die tollkühnen Kerle in ihren fluoreszierenden Overalls sind hinter ihren Pulten nur Teil der Lichtshow. Diese „Entmenschlichung“ war in den Siebzigern noch unerhört – Kraftwerk zeigten sich als romantische Avatare der Ingenieursnation Deutschland, die technische Strukturen, die uns alle umgeben, in Töne umwandelten – seien es die weißen Mittelstreifen der Autobahn oder die Schwellen unter dem Trans-Europa-Express.

Diese Strukturen kennzeichnen auch die satt farbigen Motive der retrofuturistischen Multimediashow (die oft wirkt, als sei sie selbst mit historischen Computerprogrammen erstellt worden), wenn nicht körnige Schwarz-weiß-Bilder von Mannequins („Das Model“) oder der Tour de France zu sehen sind. Schön zeigt sich da die Kraftwerk-Ambivalenz: Die Autobahn ist Sinnbild der Freiheit – aber fahren da nicht auch Militär-Laster neben dem VW Käfer? Sind Überwachungsstaat und willenlose Arbeitsmaschinen in „Computerwelt“ und „Die Roboter“ nun gut oder schlecht? Die stets freundlich-gleichgültige Kühle des Bumm-Bumm-Tschak gibt darauf keine Antwort. Der Sound dürfte ruhig etwas lauter sein: In Wien tanzten viele junge Hipster zum Proto-Techno. In München steht das gesetztere Publikum reglos, doch angetan herum.

Eine Besonderheit gibt es allerdings: eine seltene Ansage! Hütter würdigt seinen Freund, den 2023 verstorbenen Ryūichi Sakamoto, dessen „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ er spielen lässt. Wer hätte das gedacht: ein Weihnachtslied von Kraftwerk. Vom Kaufhaus-Kitsch ist das allerdings meilenweit entfernt.JOHANNES LÖHR

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