Wiedersehen mit einer Wahnsinnigen

von Redaktion

Sopranistin Sara Blanch über Donizettis „Lucia di Lammermoor“ bei den Tiroler Festspielen

„In diesem Moment gibt es nur mich, meine Gefühle und die Musik“: Sara Blanch steht im Mittelpunkt der ersten Winter-Premiere in Erl. © JOAN MANUEL BALIELLAS

Angefangen hat es für Sara Blanch gleich ganz oben im Belcanto-Olymp. Beim Rossini-Festival in Pesaro, wo sie 2013 ihr viel beachtetes Debüt gab. Eine Initialzündung, der schnell Verpflichtungen an die großen internationalen Bühnen folgten. Egal ob an der Mailänder Scala, in Paris, London oder an der Wiener Staatsoper: Wenn es um das virtuose Koloraturfach geht, begegnet einem der Name der katalanischen Sopranistin mit schöner Regelmäßigkeit. So wie nun auch bei den Tiroler Festspielen in Erl, wo Blanch in der Neuinszenierung von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ die Titelpartie verkörpern wird, Premiere ist am 27. Dezember.

Das Belcanto-Repertoire war für Blanch von Anfang an das große Ziel. Obwohl sie ihre ersten Bühnenerfahrungen zunächst in einer zeitgenössischen Oper gesammelt hatte. Bei einem Projekt für Jugendliche, für das sie als Teenager zu den Proben nach Barcelona pendelte. „Ich hatte zwar schon immer gern gesungen, nur am Anfang eben noch ohne Disziplin oder Technik. Aber nach diesem Erlebnis war mir klar, dass ich nicht nur im Chor bleiben will. Und je besser meine Technik wurde, umso mehr wurde mir bewusst, was meine Stimme kann. Da wusste ich, ich will Opernsängerin werden.“

Ein Wunsch, der spätestens mit der Einladung nach Pesaro endgültig in Erfüllung ging. „Was da genau passiert ist, wurde mir erst später so richtig bewusst“, sagt Blanch. „Es war das erste Mal, dass ich außerhalb meiner Heimat gesungen habe. Und dann gleich mit Maestro Alberto Zedda, der auf diesem Gebiet eine absolute Autorität ist und uns alle extrem gefordert hat. Um mich herum waren aber auch viele andere junge Sängerinnen und Sänger. Und es war wunderschön für uns, diese Erfahrung zu teilen.“

Weitere wichtige Impulse kamen unter anderem durch den Publikumspreis beim „Concurs Internacional de Cant Montserrat Caballé“ oder den prestigeträchtigen „Viñas-Wettbewerb“, wo sie gleich mit acht Preisen bedacht wurde und Kontakte zu Opernhäusern und Agenturen knüpfen konnte. „So ein Wettbewerb hilft enorm, garantiert dir aber keinen Erfolg fürs Leben. Du musst ständig weiter an dir arbeiten und dich verbessern. Das gehört auch zum Beruf.“

Ihr meistgesungener Komponist bleibt nach einem kurzen Blick in den Kalender Rossini. „Aber auch Donizetti ist einer meiner absoluten Favoriten. Vor allem die Lucia. Ich liebe diese Rolle! Einmal wegen ihres fragilen Charakters. Aber vor allem wegen des Wahns, den sie durchlebt. Für mich liegt darin eine große Freiheit, weil hier nichts kontrolliert ist und sie allein ihren Instinkten folgt.“ Nach drei Produktionen von „Lucia di Lammermoor“ zu Beginn ihrer Karriere hatten in den vergangenen Jahren dennoch erst einmal andere Rollen Priorität – weswegen sich die Sopranistin umso mehr freut, dieser guten alten Bekannten in Erl endlich wieder zu begegnen.

Dass viele in Lucia vor allem ein Opfer sehen, stört Sara Blanch nicht. „Wenn ich auf die Bühne gehe, versuche ich immer, ganz in die Rolle einzutauchen. In diesem Moment gibt es nur mich, meine Gefühle und die Musik. Man muss so eine Figur auch nehmen, wie sie ist. Weil die Oper ja eine gewisse Zeit abbildet. Was jetzt aber nicht heißen soll, dass sich unsere heutige Gesellschaft nicht auch in der Inszenierung spiegeln kann.“

Drei Jahre nach ihrer letzten „Lucia“-Produktion geht es für Sara Blanch in Erl vor allem darum, die berühmte Paraderolle mit Regisseurin Louisa Proske noch einmal neu zu hinterfragen und auch neue Perspektiven zuzulassen. „Louisa arbeitet sehr genau. Und ich versuche, ihre Ideen – so gut es geht – zu respektieren und umzusetzen. Weil ich es auch selber mag, meine Grenzen immer wieder neu auszutesten.“

Allzu viel über das Konzept will sie mitten im Probenprozess nicht verraten. „Es wird auf jeden Fall sehr herausfordernd, weil ich schon vor der Ouvertüre auftrete und bis zum Finale durchgehend auf der Bühne bleibe.“ Was allerdings auch einen Vorteil hat, wie Blanch schmunzelnd zu Protokoll gibt, kann sie so doch endlich einmal Edgardos Schluss-Arie live erleben, statt nur über die Mithöranlage in der Garderobe. Ein großer tragischer Moment, den Donizetti ebenso meisterlich umsetzte wie Lucias Wahnsinns-Szene. „Donizetti gibt der Stimme so viele Möglichkeiten, nach Farben zu suchen und seine Gefühle auszudrücken. Diese Musik sagt einem alles, was man über die Figuren wissen muss.“ TOBIAS HELL

Die Tiroler Winterfestspiele

dauern vom 27. Dezember bis
6. Januar; neben der „Lucia“ gibt es noch Bellinis „La sonnambula“ konzertant und Konzerte;
tiroler-festspiele.at.

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