„Wir Pianisten sind Illusionisten“, sagt Lukas Sternath. Am 14. Januar gastiert der 24-Jährige mit einem Solo-Abend im Münchner Prinzregententheater. © Julia Wesely
Die großen Bühnen kannte er bereits vor der Klavier-Karriere: Als Wiener Sängerknabe tourte Lukas Sternath um die Welt. Seitdem er 2022 den Münchner ARD-Wettbewerb gleich mit mehreren Preisen gewann, ist der heute 24-Jährige ein gefragter Akteur im Klassikzirkus. Sternath wird unter anderem von Igor Levit beraten und gastiert am 14. Januar mit einem Solo-Abend im Prinzregententheater. Auf dem Programm stehen Werke von Schubert, Liszt und Prokofjew.
Mit Blick auf ihren dicht gefüllten Kalender in den nächsten Monaten: Sind Sie ein Workaholic?
So würde ich mich nicht bezeichnen. Es ist für mich vielmehr ein Riesenglück. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass alles so gut läuft. Und dafür bin ich nicht allein verantwortlich, ich arbeite mit einem wunderbaren Team zusammen. Die Konzerte geben mir wahnsinnig viel. Außerdem kann ich in meiner jetzigen Lebensphase diese Terminhäufung ganz gut vertragen.
Gibt es auch Tage ohne Klavier?
Ja natürlich. Aber ich probiere gerade auch aus, Musik nur in dem Moment zu konsumieren, in dem sie live gespielt wird. Heißt: Ich lege das Handy weg. Alles muss ja immer verfügbar sein, auch Musik über den Kopfhörer. Ich sitze also zum Beispiel zu Hause, denke an irgendeine Musik – die ich aber dann nur selbst produziere. Eine Art akustische Reinigung. Weg von der Sucht.
Der ARD-Musikwettbewerb war das Katapult in die Karriere. Auch ein Fluch, weil man sich nun bewähren muss?
Natürlich hat mir das extrem geholfen. Zugleich bekommt man ein Label aufgeklebt: ARD-Wettbewerbssieger. So ist das eben mit dem zutiefst menschlichen Schubladendenken: Es bringt Ordnung und Orientierung. Ich habe nichts gegen Schubladen – wenn sie der Realität entsprechen und nichts und niemanden einkasteln. Aber das Wichtigste muss immer bleiben, dass man das Bedürfnis hat und es ausleben kann, einem Komponisten und einem Werk näherzukommen.
Haben Sie nach den Anfangserfolgen manchmal Angst vor der ersten Karrieredelle?
Ein Wettbewerbssieg und Erfolge sind kein Garant für irgendetwas. Das, was ich gerade tue, war immer mein Ziel – und nicht der Gedanke, wie viel Geld das bringt. Mein Anliegen ist es auch nicht, mit dem Klavierspiel möglichst viele Menschen auf diesem Planeten zu erreichen. Ansonsten wäre ich ja im falschen Musikbereich tätig. Konzerte mit wunderbaren Partnern oder dass man auf Artikel oder Auftritte angesprochen wird, all das ist wunderbar. Und im Augenblick des Künstlerseins empfinde ich es sogar als irgendwie normal.
Warum sprechen Sie eigentlich keinen Wiener Dialekt?
Das ist wahrscheinlich eine Generationensache. In der Schule hat niemand sehr starken Dialekt gesprochen. Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Kärnten, das schlägt manchmal durch. Und wenn wir untereinander reden, ist es sowieso viel stärker. Ich fühle mich übrigens erst seit kurzer Zeit dazu imstande, mich sprachlich so auszudrücken, wie es mir tatsächlich vorschwebt. Ich hatte zuvor immer das Gefühl, ich komme mit meinen Worten nicht weit genug. Und dann habe ich einige Menschen kennengelernt, die fasziniert sind von Literatur. Das hat mich sehr weitergebracht. Ein neuer Horizont hat sich mir erschlossen.
Hatten Sie überhaupt die Chance, etwas anderes als Musik zu machen?
Ja klar. Aber ich wollte es so. Meine Eltern waren zunächst gar nicht davon begeistert, als ich Sängerknabe werden wollte. Die Begeisterung fürs Klavier, für das Üben und zu was das alles führen kann, das kam erst mit zwölf, dreizehn. Ich war auch immer sehr fasziniert von Sportarten. Im Grunde kann ich gar nicht genau sagen, warum es letztlich das Klavier geworden ist. Cello hätte vielleicht auch funktioniert. Es geht mir einfach darum, Musik machen zu können. Das Medium ist da gar nicht so wichtig. Ich suche auf den Tourneen mittlerweile auch nicht mehr den Flügel aus oder äußere Wünsche. Ich möchte einfach mit dem zurechtkommen, das ich vorfinde – anstatt immer dem nachzuhängen, wie es sein sollte. Sonst denkt man doch immer an das, was fehlt – und das kann auf Dauer nicht glücklich machen.
Wie zufrieden sind Sie eigentlich mit Ihren Konzerten? Sitzt da ständig ein ermahnender kleiner Mann auf der Schulter?
Ich glaube, auf der Bühne braucht es keinen Zweifel oder keine Selbstkritik. Ich muss zwar das Werk kennen, darüber nachgedacht, es vor allem gelernt haben. Aber im Moment des Spielens muss ich loslassen. Natürlich gibt es eine Kontrollinstanz. Aber letztlich ist das Konzert wie eine Meditation, während der Erwartungshaltungen keinen Platz haben dürfen.
Heben Sie sich Werke für später auf?
Eher nicht. Man muss ja irgendwann anfangen – und scheitern dürfen. Ich spiele auch schon jetzt die letzten Schubert-Sonaten, in denen es um letzte Dinge geht. Jedes Mal, wenn ich mir die Werke vornehme, werde ich sie ein wenig anders spielen. Und eine komplett neue Reise geht los. Keiner kann doch Letztgültiges abliefern.