Ode an die Routine

von Redaktion

Die großen Klassiker des Repertoires sind oft ein zweischneidiges Schwert. Beliebt vor allem beim Veranstalter, weil sie meist ein volles Haus garantieren. So wie nun bei den Philharmonikern, die das alte Jahr traditionsgemäß wieder einmal mit Beethovens „Ode an die Freude“ ausklingen ließen.

Auf der anderen Seite liegt gerade in dieser schönen Regelmäßigkeit auch der größte Fallstrick. Denn es gibt wahrscheinlich wenig, was über die „Neunte“ noch nicht gesagt wurde. Vom tief romantischen Zugriff über die Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis bis hin zu den politischen Untertönen, die bei der Europahymne natürlich immer mitschwingen.

Und so versuchte Dirigentin Eva Ollikainen gar nicht groß, das Rad neu zu erfinden, und ging im ersten Satz mit breiten Tempi auf Nummer sicher. So richtig in Gang kommen wollte danach aber auch das eher zahnlose Scherzo nicht. Was der Euphorie und dem Optimismus des Publikums jedoch keinen Abbruch tat. Etwa bei einem Herren in Reihe 14, der seiner Begleitung vor dem großen Chorfinale zuflüsterte: „Jetzt geht’s los!“ Und tatsächlich brachte der Auftritt des Philharmonischen Chores endlich den bis dahin weitgehend vermissten Energieschub. Gut vorbereitet von Eva Ollikainen, die dem „Götterfunken“ zunächst Zeit gab, sich behutsam in den tiefen Streichern anzuschleichen, ehe sich die volle Wucht aus 80 Kehlen entladen durfte. Nicht ganz so homogen wie der Chor erwies sich das gerade auf der Herrenseite arg leicht besetzte Solo-Quartett. Hier konnte sich lediglich Anna Kissjudit mit raumgreifendem Alt im Hollywood-verdächtigen Cinemascope-Sound behaupten.

TOBIAS HELL

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