Er feiert an diesem Samstag Geburtstag: W. Michael Blumenthal. © Jens Kalaene/dpa
Anfang Dezember ehrte Berlin seinen Ehrenbürger W. Michael Blumenthal mit einem festlichen Essen. Anlass war sein bevorstehender 100. Geburtstag. Der Jubilar ist zwar kein Sohn der Stadt, denn geboren wurde er am 3. Januar 1926 im nahen Oranienburg. Blumenthal prägte aber eine Institution der Hauptstadt entscheidend mit: Er stand von 1997 bis 2014 an der Spitze des Jüdischen Museums und war dessen Gründungsdirektor.
Und das ist nicht alles. Bevor Blumenthal nach Berlin kam, hatte er bereits eine Karriere in den USA. Dort arbeitete er als Manager, Wirtschaftsprofessor, Berater in Politik und Finanzwesen – und als Finanzminister für den demokratischen Präsidenten Jimmy Carter.
Blumenthal wurde in eine assimilierte und alteingesessene jüdische Familie geboren, zu der auch die Intellektuelle Rahel Varnhagen von Ense und der Komponist Giacomo Meyerbeer gehörten. Der Vater hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und war Erbe der Oranienburger Bank. „Man bewohnte ein geräumiges Haus, hatte Personal und konnte nicht klagen“, schreibt Blumenthal in seinem Buch „Die unsichtbare Mauer“ über die 300-jährige Geschichte seiner Familie.
Wegen der Wirtschaftskrise ging die Bank pleite. Die Blumenthals zogen nach Berlin und bauten sich eine Existenz mit einem Geschäft auf. Dann kamen 1938 die Novemberpogrome: Das Geschäft wurde zerstört, der Vater zeitweise im KZ Buchenwald eingesperrt und gefoltert. Doch sie hatten enormes Glück: Die Mutter ergatterte Tickets für Shanghai, der Vater kam frei, und die vierköpfige Familie flüchtete im April 1939 nach China. „Ich freute mich auf das bevorstehende Abenteuer, aber meinen Eltern standen die Tränen in den Augen“, erinnert sich Blumenthal.
Shanghai sei ein anhaltender Schock für die Erwachsenen gewesen – und insgesamt ein elender „Wartesaal“. 1947 konnte Blumenthal in die USA einwandern. Da war er 21 Jahre alt, hatte 65 Dollar in der Tasche und war nach eigener Darstellung voller Tatendrang, um endlich selbstbestimmt ein neues Leben zu beginnen.
Was er ganz offensichtlich tat: Er nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an, promovierte in Princeton und lehrte dort als Wirtschaftsprofessor. In den Sechzigerjahren beriet er die demokratischen Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. 1977 berief ihn Carter als Finanzminister in sein Kabinett.
Zum aktuellen, republikanischen US-Präsidenten hat Blumenthal eine dezidierte Meinung. Vor der Wahl Donald Trumps sagte er 2024 der „Jüdischen Allgemeinen“, dass ein Sieg fatal wäre. „Immerhin haben wir in den USA noch Gesetze und eine unabhängige Justiz. Es wird unmöglich für Trump sein, Gesetze – wie das einst Hitler in den ersten Tagen seiner Regierungszeit getan hat – einfach aufzuheben. Was das betrifft, sind wir in einer etwas besseren Situation.“
1997 wurde Blumenthal zum Direktor des Jüdischen Museums Berlin berufen, das 2001 eröffnete. Laut Blumenthal sollte das Haus zeigen, „dass Juden durch Jahrhunderte hindurch tief verwurzelte Deutsche waren und Unentbehrliches zum intellektuellen Leben des Landes und zur Entwicklung Deutschlands zu einer modernen Nation beitrugen“. Der vielfach mit Ehrungen ausgezeichnete Blumenthal, Vater von vier Kindern, ist auch Träger des Bundesverdienstkreuzes. Die tiefere Beschäftigung mit seiner Vergangenheit war nach eigener Darstellung zunächst hinter seinem erfolgreichen Leben in den USA verblasst. Doch mit dem Älterwerden hätten die Fragen und eine Beschäftigung mit der Vergangenheit eingesetzt, schreibt er: „Wissen ist das Toupet, mit dem wir die Kahlköpfigkeit unserer Ignoranz verdecken, und nun irritierte mich der kalte Luftzug über meinem Haupt immer mehr.“LETICIA WITTE