Zur Geschichte verwebt

von Redaktion

Peter Waterhouse liest im Februar beim Münchner Tukan-Kreis

Annäherung an den Opa: Peter Waterhouse. © Matthes&Seitz

„Z Ypsilon X“ – so der Titel des aktuellen, fast 1500 Seiten langen Romans, an dem der österreichische Autor Peter Waterhouse mehr als zehn Jahre gearbeitet hat. Darin ist etwa zu lesen: „Das Kind lernte das ABC. Ich lernte das Z Ypsilon X. In der Schule lernte ich, weil die Schulsprache die englische Sprache war, das englische Alphabet. Am Ende des Alphabets stand: ex why zed? Das englische, anders als alle anderen Alphabete, endete mit einer Frage. Warum Z?“ Mit „Z“ ist das Alphabet bekanntermaßen zu Ende. Ist es aber damit vollendet? Oder beginnt mit der Frage „Warum Z?“ nicht alles von Neuem? Wer Geschichten schreibt, weiß nämlich, dass diese nie wirklich vollendet sind. Zumal, wenn sie ein Geheimnis umgibt.

Das Geheimnis im Roman von Waterhouse hat einen Namen: Edgar Alker. Er ist der Großvater des Erzählers, des heranwachsenden Kindes, das an den Autor erinnert. Alker diente als Berufsoffizier in der Wehrmacht. Er war aber auch Hauptschriftleiter des „Kleinen Blattes“, dem österreichischen Pendant zum „Völkischen Beobachter“. Alker verfasste Antisemitisches. Nach dem Ende der NS-Herrschaft schweigt die Familie über den verstorbenen Großvater. Allerdings hat sie seine Bibliothek aufbewahrt. Er las Bücher von Peter Altenberg, Karl Kraus, Georg Trakl, Dostojewski und anderen. Doch Alker las sie nicht einfach, er unterstrich minutiös Passagen, schrieb Anmerkungen auf die Seitenränder. Und er verfasste Widmungen.

Als seine Frau zum zweiten Mal schwanger wird, widmet er ihr und dem noch ungeborenen Kind Peter Altenbergs Buch „Semmering 1912“: „Dem Geist des unsterblichen P. A. / Durch Deinen Geist / Zum Geist des ungeborenen >P. A.<“. Edgar Alker erhoffte sich also einen Sohn, den würde man dann „Peter“ taufen. Vergeblich, auch das zweite Kind ist ein Mädchen. Der Name vertagt sich, bis ein „Peter“ in die Familie geboren wird. Peter Waterhouse, der Enkel, der Erzähler.

Edgar Alker beschwört in seiner Widmung den „Geist“. Sein eigener Geist entflammte zweifach – zum einen für die Literatur. Und zum anderen für die NS-Ideologie. Edgar Alker ist also doppelt geistig entflammt. Ist das dennoch derselbe Mensch? Spricht er in beiden Fällen dieselbe Sprache? Solche Fragen stellt sein Enkel Peter Waterhouse, indem er Geschichten erzählt. Sein Roman nähert sich Alker schrittweise an und fasert trotz seiner Länge nie aus. Man könnte sagen, das Alphabet hält das Buch zusammen. Es ist das meisterliche Zusammenspiel von poetischer Sprache und der Fähigkeit, Geschichten zu einer Geschichte zu verweben. Und es ist die Sprache der Literatur, die nicht anerkennt, dass das Erzählen zunichtegemacht werden soll. ANDREAS PUFF-TROJAN

Peter Waterhouse:

„Z Ypsilon X“. Matthes & Seitz, Berlin, 1554 Seiten; 58 Euro.

Lesung: Peter Waterhouse stellt seinen Roman am 4. Februar, 19.30 Uhr, beim Tukan-Kreis in der Seidlvilla, Nikolaiplatz 1b, vor; Karten unter tukan-kreis.de.

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