Mehr fecht als recht

von Redaktion

Musical „Die drei Musketiere“ bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück

En garde in der Seifenoper: Die drei Musketiere und D‘Artagnan spulen ein rasantes Degen-wechsle-dich-Spiel ab. © Alexander Bornschlegl

Musical muss nicht immer bombastische Show sein. Was das Genre kann, zeigt sich oft gerade im kleinen Format. Wenn keine großen Effekte oder Choreografien Schwächen kaschieren, sondern ganz die Musik und die Story in den Vordergrund rücken. Und dafür ist der schmucke Silbersaal des Deutschen Theaters ideales Ambiente, in dem sich auch das Team um Christian VonderAu und Paul Stebbings schon öfter ausprobieren durfte. Ihr jüngster Streich gilt nun den „Drei Musketieren“. Ein Titel, der großes Abenteuer-Kino und große Gefühle verspricht, hier aber eher in der Daily-Soap-Liga mitmischt.

Regisseur Stebbings präsentiert die Geschichte als eine Art Maskenspiel des Pariser Cabarets „Zum weißen Schaf“. Inklusive Erzählerfiguren, die zur Begrüßung mit einem charmanten „Bienvenue“ das Publikum direkt ansprechen, später aber nur noch auftreten, wenn sich eine dramaturgische Sackgasse ankündigt und eine schnelle Kurve genommen werden muss. Die wackeligen Sperrholzwände und billigen Polyester-Perücken verströmen einen improvisierten Charme, aus dem man mit mehr Mut zum Trash eine durchaus amüsante Parodie hätte zaubern können.

Bei den vorproduzierten Halbplaybacks hört der Spaß aber endgültig auf. Was hier an glatt gebügeltem Plastik-Sound aus den Lautsprechern flutscht, tut den Songs von Christian VonderAu keinen Gefallen. Im eklektischen Stilmix gibt es da zwar auch Nummern, bei denen er in bester Pop-OpernManier auf stampfende Beats setzt. Aber gerade die sanften Balladen für d’Artagnan könnten so viel besser klingen und so viel mehr ans Herz gehen, wenn man der Produktion statt kalten Keyboard-Klängen eine kleine Live-Band gegönnt hätte. Oder zumindest eine akustische Gitarre, die man dem einen oder der anderen im Ensemble problemlos in die Hand hätte drücken können.

Unterbeschäftigt ist die siebenköpfige Truppe freilich auch so nicht wirklich. Jeder und jede Einzelne hat gefühlt ein gutes Dutzend unterschiedlicher Rollen zu spielen. Mit teils aberwitzig schnellen Kostümwechseln, die vor allem in den großen Fecht-Szenen staunen lassen: Weil die drei Titelhelden im Nebenjob ebenfalls diverse Widersacher verkörpern und sich ein rasantes Degen-wechsle-dich-Spiel abspult. Manuel Schwirz, Tamás Mester und Immanuel Grau bieten da tatsächlich ordentlichen Nervenkitzel. Vor allem für die erste Reihe, wo man ihren Klingen zuweilen näher kommt, als es einem vielleicht lieb ist. Und ebenso Laune macht ihre pathetische Freundschaftshymne – selbst wenn die vokalen Harmonien manchmal auf etwas wackeligen Beinen stehen.

Gefährlich wird dem Trio vor allem Tanja Maria Froidl. Eine Rampensau im besten Sinne des Wortes, die nach mehreren skurrilen Episodenrollen schließlich als Mylady de Winter zu Hochform aufläuft. Sie kommt in dieser Version weniger als verführerisch Femme fatale daher, sondern eher wie die verschollene Drillingsschwester von Cruella De Vil und Ursula der Meerhexe. Was Froidl genüsslich auszukosten weiß. Und wann erlebt man schon mal einen Mordversuch mit einer Prise Chanel Nr. 4711?

Auf der Zielgeraden wird die Logik da endgültig über Bord geworfen und die Selbstironie auf 180 geschraubt. Und das hätte gerne schon deutlich eher passieren dürfen. So richtig ernst nehmen kann man diese „Musketiere“ nämlich leider nicht. Dafür klappert es an zu vielen Ecken. Aber für eine gelungene Parodie ist es am Ende eben trotzdem einfach nicht trashig genug. Das nächste Mal vielleicht also lieber gleich die Flucht nach vorne. TOBIAS HELL

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bis 11. Januar;
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