Wieder am Schreibtisch: John Irving hat seinen 16. Roman vorgelegt. © Arte
Es ist, als ob man nach Hause kommt: „Königin Esther“, der neue Roman von John Irving, versammelt fast alle Motive des US-Schriftstellers, der längst auch den Pass seiner Wahlheimat Kanada in der Tasche hat. Es geht hier also um New Hampshire, wo der Schriftsteller 1942 geboren wurde, um Wien und Amsterdam, wo seine Bücher häufig unter anderem spielen, um das Ringen und das Schreiben, um Tattoos und das Recht auf selbstbestimmtes Leben und Lieben.
Das Buch versammelt skurrile Gestalten, entfaltet Familienpanoramen (wobei „Familie“ nicht immer „blutsverwandt“ bedeutet, auch das ist charakteristisch), und es bezieht sich auf Autorinnen und Autoren, die Irving selbst schätzt. Dickens allen voran. Ja, der 83-Jährige lässt sogar einen seinem Publikum nur allzu gut bekannten Charakter aus dem eigenen Werk wieder auftreten: Dr. Wilbur Larch, Leiter des Waisenhauses in St. Cloud’s in Maine, jenem Waisenhaus, in dem „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ spielt, Irvings Welterfolg aus dem Jahr 1985.
Es ist also alles angerichtet – und doch folgt man dieser Geschichte gern und neugierig. Mit einer Einschränkung. Man muss bei diesem Autor die ersten 60, 70 Seiten durcharbeiten, ohne sich verwirren zu lassen. Dann ist die Erzählung auf dem Gleis – und schnurrt klug, witzig und fabelhaft geschrieben dahin. Auch das ist also wie bei den 15 Büchern davor.
Sehr viel intensiver beschäftigt sich Irving allerdings mit dem Judentum, mit Israel und Antisemitismus. Die Figur, die dem Roman seinen Titel gibt, erinnert an Esther aus der Thora, der es gelingt, einen Genozid am jüdischen Volk im persischen Reich zu verhindern. Ihr zu Ehre wird bis heute das Purim-Fest gefeiert. Irvings Esther ist eine in Wien geborene Jüdin, die im Waisenhaus in Maine aufgewachsen ist, nachdem die Mutter von Antisemiten in Portland ermordet wurde. Sie kommt als Kindermädchen zu den Winslows und kümmert sich um deren Tochter Honor. Es ist eine besondere Beziehung: Später wird Esther für Honor deren Sohn Jimmy austragen. Er studiert in Wien, will Schriftsteller werden – doch droht die Einberufung zum Vietnamkrieg. Das wollen nicht nur seine beiden Mütter verhindern. Kurzum: Diese Konstellation ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für Irvings Kunst des Erzählens.
Eigentlich dürfte es diesen Roman gar nicht geben. Wie berichtet, hatte der Schriftsteller 2023 angekündigt, nach „Der letzte Sessellift“ keine längeren Werke mehr zu schreiben. „Königin Esther“ zeigt, wie gut es ist, dass er vom Rücktritt zurückgetreten ist. Welchem anderen Zeitgenossen glückt es schließlich, derart viel Handlung, Gedanken und Gefühle in einen Satz zu packen? Einen Satz, wie dieser hier etwa: „Jimmy erzählte nichts vom Schuss in seine Kniescheibe oder dem abgeschnittenen Zeigefinger seiner Schreibhand – den Konsequenzen, die drohten, wenn es ihm nicht gelang, jemanden zu schwängern.“MICHAEL SCHLEICHER
John Irving:
„Königin Esther“. Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul. Diogenes, Zürich, 560 Seiten;
32 Euro.