Felix Klare ist bei der Premiere im Resi dabei. © Elena Panizza
Die Schauspielerin Juliane Köhler. © Joel Heyd
Die französische Autorin Yasmina Reza. © Hanser-Verlag
Eine Mutter, die ihr einjähriges Kind nachts am Meer der Flut überlässt. Eine Frau, die ihren Mann mit einem Schuss in die Schläfe tötet und ihn dann im Garten vergräbt. Ein älterer Herr, der sich im Internet als attraktiver Gentleman präsentiert, um die neu gewonnenen Liebschaften sexuell für sich auszunutzen. Yasmina Reza hat bei der Beobachtung französischer Strafprozesse eine Menge Geschichten gesammelt. In rund 50 Kurztexten fasst die Autorin („Gott des Gemetzels“) das Tragische, Bösartige und Komische in dieser Welt zusammen und eröffnet dabei einen bemerkenswerten Blick auf „Die Rückseite des Lebens“.
Die ist nicht immer so hübsch anzusehen wie die Vorderseite; nicht so adrett und aufgeräumt. In den dunklen Ecken der menschlichen Existenz wohnen Schmerz und Schuld, aber auch geheime Leidenschaften. Schnörkellos beschreibt Reza Schicksale und hat dabei ein poetisches Gespür fürs Detail: für den „zu großen, knittrigen Anzug“, den gebeugten Rücken, das feine Lächeln, den Schmerz, die tiefe Trauer in den Gesichtern. Sie braucht nicht viele Buchseiten, um die Biografie eines Angeklagten hell zu beleuchten. Dafür konzentrieren sich ihre Mini-TrueCrime-Reportagen auf die Essenz des Gesagten. Beiläufig streut Yasmina Reza Fragmente aus ihrem eigenen Leben in ihr aktuelles Werk: literarische Schnappschüsse aus Venedig, wo die gebürtige Pariserin viel Zeit verbringt, Erlebnisse mit Freunden, Familie und Fremden. Es sind kleine Verschnaufpausen zwischen den Prozessen, die oft Grausames ans Licht bringen. Schon immer hat sich Reza für die unvorhersehbaren Wendungen im Leben interessiert, die Kippmomente, die jeden aus dem Gleichgewicht bringen können. Sie zeichnet Figuren, die jenseits von Gut und Böse, Richtig oder Falsch agieren. „Die Rückseite des Lebens“ ist nicht schwarz, in Rezas lesenswertem Buch trägt sie 50 Schattierungen von Grau.
Die preisgekrönte Schriftstellerin ist die meistgespielte zeitgenössische Theaterautorin. Eine szenische Lesung ihres Buches mit Juliane Köhler, Lea Ruckpaul und Felix Klare hat am Freitag im Residenztheater Premiere.ASTRID KISTNER
Yasmina Reza:
„Die Rückseite des Lebens“. Hanser-Verlag, München,
200 Seiten; 24 Euro.
Deutschsprachige
Erstaufführung: Restkarten für Nora Schlockers Einrichtung am Freitag, 19.30 Uhr, im Residenztheater unter 089/ 21 85 19 40.