Vom Best-Ager bis zum Teenie: „Abenteuerland“ deckt alle Altersgruppen ab. © Jochen Quast
Das Abenteuer der ersten Liebe erleben die „Abenteuerland“-Figuren in verschiedenen Konstellationen. © Jochen Quast
Jetzt wissen wir endlich, wofür die Abkürzung PUR steht. War doch klar: Petra und Robert! Auf diese Namen hören nämlich zwei der zentralen Figuren in „Abenteuerland“. Dem neuen Jukebox-Musical, das im Deutschen Theater ab sofort die Hits einer Band auf die Bühne bringt, die rein zufällig dieselben drei Buchstaben auf ihre Platten-Cover druckt.
Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit. Denn warum sollte das, was international mit ABBA, Queen oder Tina Turner funktioniert, nicht auch mit einer der erfolgreichsten deutschen Musikgruppen klappen? „Abenteuerland“ bietet dabei jede Menge Herz-Schmerz quer durch drei Generationen, damit im Publikum auch alle ihre persönliche Identifikationsfigur bekommen. Eine in der Routine gefangene Mama sucht gemeinsam mit der besten Freundin das Abenteuer bei einer wilden Clubnacht, fünf Teenager erleben in wechselnder Konstellation das Abenteuer der ersten Liebe und die verwitwete Oma stürzt sich ins Abenteuer Online-Dating.
Der Autor und Pur-Fan Martin Flohr lässt im Verlauf des Abends kaum ein heißes Eisen aus: Ehe-Frust, Midlife-Crisis, Teenie-Schwangerschaft, Coming-out, Depression, Schul-Mobbing und Einsamkeit im Alter. Doch gerade weil so viele Handlungsstränge parallel laufen, fällt es teilweise doch ein wenig schwer, sich emotional auf die einzelnen Schicksale einzulassen, weil für individuelle Charakterentwicklung oft nur wenig Zeit bleibt.
Am Ende kommt vor allem der dritte Frühling des Seniorenpärchens etwas kurz. Was doppelt schade ist, weil Bärbel Röhl und Frank Bahrenberg mit ihren selbstironischen Pointen zu den unumstrittenen Publikumslieblingen zählen. Sie geben der Show eine fast schon anarchische Note, die der routinierten Inszenierung von Regisseur Dominik Flaschka und Choreograf Jonathan Huor durchaus guttut. Denn „Abenteuerland“ ist nicht nur ein „Best of Pur“. Auch viele Handlungselemente wurden aus bereits bewährten Musicals recycelt und remixt. Hier eine Prise „Mamma Mia“, dort für die junge Generation etwas „Dear Evan Hansen“. Und der Sohn bekommt eine neue Liebe mit Migrationshintergrund, unter deren Balkon er ähnlich schmachten darf wie einst Tony in der „West Side Story“.
Ein paar subtile Verweise auf die Biografie der schwäbischen Hitlieferanten dürfen aber natürlich ebenfalls nicht fehlen. Denn letzten Endes ist das „Abenteuerland“ vor allem eine Show von Pur-Fans für Pur-Fans. Da geht es nicht um die vorhersehbare Story mit Happy-End-Garantie. Es geht in erster Linie um die Songs! Und die bekommt man hier von einer fünfköpfigen Live-Band mit ordentlich Wumms und sehr viel Gefühl serviert.
Dank cleverer Arrangements funktionieren die bekannten Ohrwürmer dabei auch als Duette oder Ensemble-Nummern ganz hervorragend. Mitgeklatscht und mitgesungen wird fast ab Minute eins. Und zum Finale wartet die euphorisierte Fangemeinde erst gar nicht mehr groß bis zur letzten Note, sondern springt schon während der „Funkelperlenaugen“ aus den Sitzen, um sich Arm in Arm im Takt zu wiegen. Garniert mit Sprechchören für Hartmut Engler und seine Jungs (siehe Artikel unten), deren Erscheinen auf der Bühne den Applauspegel in ungeahnte Höhen treibt.
Wer mit den Songs von Pur groß geworden ist, darf sich hier definitiv in guten Händen fühlen und mit Gleichgesinnten feiern. Und alle anderen können sich schon einmal seelisch auf das potenzielle Helene-Fischer- oder Tokio-Hotel-Musical einstellen, um das wir über kurz oder lang wohl auch nicht herumkommen werden. Dafür funktioniert das Erfolgsrezept Jukebox einfach zu gut.TOBIAS HELL
Weitere Vorstellungen
bis 18. Januar. Tickets unter Telefon 089/55 23 44 44. www.deutsches-theater.de.