„Selbstbildnis im Pelzrock“ malte Albrecht Dürer im Jahr 1500. © Alte Pinakothek
„Auch in Werken, die man zigmal gesehen hat, findet man immer wieder faszinierende Details und entwickelt neue Ideen daraus“, sagt der Kunsthistoriker Christof Metzger über Albrecht Dürer. © Museum Albertina
Sieben Kilogramm, fast 800 Seiten: Zum Nürnberger Künstler Albrecht Dürer (1471-1528) ist ein XXL-Band mit all seinen Werken erschienen. Einer der Autoren ist der international anerkannte Dürer-Experte Christof Metzger, Kurator am Museum Albertina in Wien. Er hat berühmte Arbeiten des Malers, wie die Zeichnungen „Feldhase“, die „Betenden Hände“ oder „Rasenstück“, in seiner Obhut.
Albrecht Dürer wird als „Genie“ und „Megastar der Kunst“ bezeichnet. Sieht man sein Können bei allen Werken oder hatte der große Meister auch schwächere Phasen?
Nein, man sieht das wirklich immer. Der Erfindungsreichtum, der bereits von Zeitgenossen gerühmt wird, die technische Perfektion, die farbige Brillanz sind bei allen Werken gegeben. Es gibt gewisse Qualitätsschwankungen, die eine einfache Ursache haben können: Die Malereien entstehen für Auftraggeber und die Bezahlung wird vorher festgelegt. In solchen Verträgen wird auch die Qualität des zu liefernden Bildes festgelegt. Und wenn nicht genug bezahlt werden kann, können nicht die hochwertigsten Pigmente genommen werden. Oder die Flügel des Altars malt der jüngere Bruder von Albrecht Dürer und nicht der Meister selbst. Für den Kunsthistoriker ist es eine interessante Übung, das auseinanderzudröseln, und dem Leser gibt es interessante Einblicke in das Verhältnis zwischen Künstler und Auftraggeber oder wie eine solche Werkstatt organisiert war.
Sie haben mit den Meisterwerken tagtäglich diese Genialität Dürers vor Augen. Erleben Sie nach Jahren noch Momente der Bewunderung?
Da stumpft man überhaupt nicht ab. Auch in Werken, die man zigmal gesehen hat, findet man immer wieder faszinierende Details und entwickelt neue Ideen daraus. Insbesondere bei den Zeichnungen, die in den grafischen Sammlungen ihr Dasein lichtgeschützt in Kassetten fristen, gibt es immer wieder die tollsten Aha-Erlebnisse. Oft ist die Überraschung das Format: Man kennt etwas von einer Reproduktion und das Original ist plötzlich winzig. Sehr oft ist die Farbigkeit bei den Zeichnungen eine Überraschung, denn viele Federzeichnungen sind nur schwarz-weiß publiziert. Beispielsweise gibt es in Florenz in den Uffizien eine Zeichnung der Enthauptung der heiligen Katharina. Sie ist zweifarbig. Die eine Figur ist in rotbrauner Tinte gezeichnet, die andere in bläulicher. Und das gibt eine unheimlich schöne Farbharmonie, Räumlichkeit und Tiefe. In unserer neuen Publikation werden viele das jetzt auch neu sehen.
Sie können sich wichtige Werke Dürers aus dem eigenen Archiv holen und betrachten. Warum ist ein so großer Teil der Dürer-Werke in Wien in der Albertina und nicht in Nürnberg, wo Dürer gelebt und gearbeitet hat?
Der künstlerische Nachlass Dürers landete größtenteils bei seinem Bruder Endres, der Goldschmied in Nürnberg war. Nach dessen Tod 1550 verkaufte die Witwe den Nachlass ihres Schwagers. Eine sehr große Tranche kaufte der Kaufmann Willibald Imhoff. Der hatte in seinem Haus am Egidienplatz die wahrscheinlich größte Dürer-Sammlung, die jemals zusammengetragen worden ist. Imhoff hatte zwar testamentarisch verfügt, dass sie auf ewig in Nürnberg in seinem Haus bleiben sollte. Nach seinem Tod geriet aber das Unternehmen in finanzielle Turbulenzen und war zum Verkauf gezwungen. Einen Großteil kaufte Kaiser Rudolf II. für seine Prager Sammlung, und aus dem kaiserlichen Besitz kommt es schließlich 1796 in die Albertina, deren Gründer Angehöriger des Kaiserhauses war.
Was steht denn nun Neues in dem dicken Wälzer über den Nürnberger Albrecht Dürer?
Das Buch bietet ein Gesamtverzeichnis seiner Gemälde. Im Laufe der Forschung hat ja einiges den Namen Dürer bekommen, was dann wieder revidiert wurde. Und eine solche Revision haben wir auch gemacht und uns am Ende für einen Kernbestand entschieden: Der darf rein, das halten wir für Dürer. Bei drei Objekten machen wir eine gewisse Einschränkung. Das liegt daran, dass so wenig Originalsubstanz erhalten ist, dass eine Beurteilung schwierig ist. Man kann sie nicht in Grund und Boden stampfen, kann aber auch nicht wirklich alle Daumen nach oben geben. Wir sehen sie als Diskussionsbasis für weitere Forschungen.
Als kunsthistorischer Laie hat man erfahren, dass Dürer der Erfinder des Logos ist und seine Werke alle mit seinem Zeichen „AD“ gekennzeichnet hat. Warum kann man trotzdem manche Werke nicht zuordnen?
Er hat das Monogramm nicht immer verwendet oder es ist nicht erhalten. Manchmal wurde ein Bild in bester Absicht gereinigt. Und schwupps war es weg, das Monogramm, das auf der obersten Schicht lag. Oder ein Gemälde war beschädigt, musste besäumt werden – weg ist das Monogramm. Umgekehrt ist es natürlich für einen halbwegs talentierten Maler oder Fälscher ein Leichtes, das Monogramm draufzumalen. Da gab es in früherer Literatur viele Fälle, bei denen Dürer draufsteht, aber beim besten Willen nicht Dürer drin ist. Das sind die Randbereiche, in denen der Kunsthistoriker fast schon zum Kriminalisten wird.
Christof Metzger/Julia Zaunbauer (Hrsg.):
„Albrecht Dürer“. Taschen Verlag, Köln, 798 Seiten; 175 Euro.