Zurück auf der Bühne: Xavier Naidoo beim ersten von zwei ausverkauften Konzerten in der Olympiahalle. © M. Hangen
Am Ende war dieser Weg doch überraschend leicht – und genau genommen zu leicht: Xavier Naidoo ist zurück auf der großen Bühne. Und zumindest seine Fans nahmen ihn bei zwei ausverkauften Konzerten in der Münchner Olympiahalle mit offenen Armen wieder in ihrer Gemeinde auf. All die kruden Thesen, mit denen sich der Sohn Mannheims selbst ins Aus geschossen hatte, die Nähe zu Reichsbürgern, der unangenehme Hautgout von Homophobie, Antisemitismus und Rassismus – sein Publikum wollte sich davon nicht den Abend verderben lassen. Aluhut runter, Schiebermütze auf, und schon ist Xavier 2.0 nach sechs Jahren Konzertpause wieder da.
„Bei meiner Seele“ heißt Naidoos Comeback-Tour, die die Olympiapark GmbH auf ihrer Internet-Seite mit einer „ausdrücklichen Distanzierung von den Äußerungen des Künstlers“ kommentierte. Solch klare Worte hätte man sich auch vom Quersänger gewünscht, der doch bereits 2022 in einem knappen Video eingestand, sich auf „Irrwegen“ befunden zu haben. Doch sein Weg aus dem Verschwörungssumpf (hoffentlich) zurück zum gesunden Menschenverstand war in der Olympiahalle kaum Thema.
Bei seinem Mix aus Resozialisierung, Gottesdienst und Popkonzert erkundigte sich Naidoo gleich zu Beginn bei seinem Publikum: „Wo wart ihr die ganzen Jahre?“ Das hätte man ihn auch gern gefragt. Doch mehr als den Hinweis, dass er die Zeit intensiv mit seiner Familie verbracht habe, lässt sich der Mann mit der undurchschaubaren dunklen Brille dazu nicht entlocken. Eine Mahnung an die Fans, sich nicht wie er auf Irrwege führen zu lassen, wie sie gerade heute so wichtig wäre? Fehlanzeige.
Stattdessen verspricht er „sehr viel Spaß“ – und hält in Sachen Musik und Show allemal Wort. Licht, Sound, Band, alles vom Feinsten bei einem gediegenen Best-of-Programm. Über allem thront diese Stimme! Vom tanzbaren Auftakt „Bei meiner Seele“ bis zu Gänsehaut-Momenten wie „Was wir alleine nicht schaffen“ und „Sie sieht mich nicht“: Deutschlands fraglos bester Soulsänger kann laut und leise, kraftvoll und einfühlsam. Nichts davon scheint ihm Mühe zu bereiten. Und so verzeihen ihm seine eingeschworenen Fans auf dem Weg vom Verschwörungstheoretiker zum Gesangspraktiker gern die Fehltritte. Sie bejubeln ihn in der Olympiahalle enthusiastisch und feiern ihn auf Instagram als „König des Seelenheils“, als „Stimme der Liebe und Wahrhaftigkeit“, als „Balsam für die Seele“. Letzteres ist nach zwei Stunden exzellenter Musik allemal nachzuvollziehen – im Gegensatz zum Unfug auf Elon Musks X, wo Unterstützer unverdrossen raunen, dass der „Mainstream“ Naidoo „canceln“ und zum Schweigen bringen wollte. Denn das hat der Sänger ganz von allein vollbracht.
Die zentralen Fragen bei Münchens wohl kontroversestem Konzert des Jahres muss jeder für sich selbst beantworten. Kann man den Künstler vom Werk trennen? Den herausragenden Sänger von den unerträglichen Aussagen der Vergangenheit? Ist es in Ordnung, einfach nur seine Musik zu genießen – egal, was geschehen ist? Außer Frage steht an diesem Abend nur eines: Halleluja, kann der Kerl singen!JÖRG HEINRICH