NACHRUF

Geschichten seines Lebens

von Redaktion

Zum Tod von Franz Dahlem, gelernter Bierbrauer und Münchner Galerist

„Beuys‘ Stuhl mit Fett war für mich ein Monument, so groß wie der Himalaja“, sagte Franz Dahlem. Das Foto zeigt ihn (re.) mit Andy Warhol und Museumsleiter Gerhard Bott im „Block Beuys“ im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. © Werner Kumpf

Einer Drehbuchautorin oder einem Stückeschreiber würde eine Figur, die an der Biografie Franz Dahlems angelehnt ist, von Leuten, die viel zu sagen, aber wenig Ahnung haben, sauber um die Ohren gehauen werden: zu ausgedacht liest sich das, zu viel Fabula Rasa – unmöglich, dass das alles in ein Leben passt. Ist aber so. Dahlem hat es gezeigt; gleichwohl er selbst mitunter munter zwischen Dichtung und Wahrheit oszillierte. Traurige Tatsache ist, dass er – wie erst jetzt bekannt wurde – am 29. Dezember in Altenmarkt im Chiemgau im Kreise seiner Familie gestorben ist.

Fakt ist auch, dass die Welt der Kunst Franz Dahlem viel zu verdanken hat. Als Kriegswaise 1938 in München geboren, lernte er zunächst das Bierbrauen im Kloster Schäftlarn, eine Lehre zum Buchhändler schloss sich an. Durch die Begegnung mit dem Maler Uwe Lausen (1941-1970) knallte 1961 zeitgenössische Kunst in sein Leben. Eine Begeisterung, die Dahlem tatsächlich entflammte. Der Münchner eröffnete zwei Jahre später mit Heiner Friedrich die Galerie Friedrich & Dahlem an der Maximilianstraße. Man zeigte Werke von Leuten wie Baselitz, Beuys, Warhol, Richter, Rauschenberg, Twombly – und manchen mehr. Plötzlich war die deutsche Kunstszene wach – und obendrein international im Fokus.

Ein Höhenflug für alle Beteiligten. Drei Jahre später verließ jedoch Dahlem Haus und Heimat und eröffnete eine Galerie in Darmstadt. „Das war keine Galerie“, rief er 2022 in seiner Autobiografie dazwischen, sondern „ein grünes Zimmer, ein blaues Zimmer“. Damals kannte er bereits Karl Ströher, Inhaber und Gründer der Wella AG, zwischen dessen Geld und der Kunst er fortan vermitteln sollte. Erstes Ausrufezeichen: 1967 zeigte das Städtische Museum in Mönchengladbach „Parallelprozeß 1“, eine Solo-Ausstellung von Joseph Beuys (1921-1986). Dahlem legte dem Industriellen ans Herz, die gesamte Schau zu kaufen; der Unternehmer schlug ein. „Ein weiterer Coup gelang Dahlem, als er Ströher ein Jahr später überzeugte, die damals weltweit größte Sammlung amerikanischer Pop-Art aus dem Nachlass des New Yorkers Leon Kraushaar zu erwerben“, berichtet sein Verleger Lothar Schirmer: „Mit diesen beiden Aktionen war Dahlem seinerzeit der wohl einflussreichste und wirkmächtigste Vermittler zeitgenössischer Kunst im deutschen Sprachraum.“ Bitte nicht vergessen: Der Bierbrauer und Buchhändler war Autodidakt im Kunsthandel.

Außerdem war er ein fantastischer Erzähler. „Ich konnte ja ganz dramatische Geschichten erzählen“, hielt Dahlem – neben vielem mehr – in seinem Buch fest. Ja, konnte er. Jetzt ist der Bierbrauer, Buchhändler, Galerist, Kunstvermittler und Geschichtenerzähler verstummt. Es ist ein Jammer. MICHAEL SCHLEICHER

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