Literatur im Zeugenstand

von Redaktion

Nora Schlocker bringt „Die Rückseite des Lebens“ von Yasmina Reza ins Residenztheater

In die Ecke gedrängt: Lea Ruckpaul, Juliane Köhler, Nicola Mastroberardino und Felix Klare legen sachliches Erstaunen in ihren Vortrag von Yasmina Rezas Prozessbeobachtungen. © Adrienne Meister

Vor Gericht ist man nicht nur in Gottes Hand, wie ein Sprichwort sagt, nein, man sitzt auch in der Klemme. Dafür liefert Lisa Käpplers genial einfaches Bühnenbild den im Wortsinn „lückenlosen“ Indizienbeweis: Bei der szenischen Lesung aus Yasmina Rezas Prosaband „Die Rückseite des Lebens“ (wir berichteten) ist die Bühne des Residenztheaters auf eine klaustrophobische Raumecke vorn an der Rampe verengt, begrenzt von hohen, kahlen Betonwänden. Im Lauf des Abends krakeln die Darsteller TäterNamen an diese Bunker- oder Gefängnismauern, die hier aber Mauern eines Gerichtssaales darstellen.

Denn in der Klemme sitzen in Yasmina Rezas knappen Berichten über reale Strafgerichtsverfahren nicht nur die Täter oder, auf noch viel schlimmere Weise, die Opfer, sofern sie überhaupt noch leben. Nein, auch Anwälte, Staatsanwälte, Richter spielen eine ziemlich beklemmende Rolle in den Dramen, die Gerichtsprozesse ja immer auch sind – womöglich ein Grund dafür, dass die weltberühmte Theaterautorin so fasziniert Verhandlungen besucht.

Egal, ob es um Gatten- und Kindesmörderinnen geht oder um eine junge Nordafrikanerin, die willkürlich einen Schwarzen attackiert und rassistisch beschimpft: So einfach, wie das Gesetz sich das vorstellt, sind all diese Taten aus Verzweiflung oder angestauter Gewalterfahrung („Hass“) nicht ins Protokoll zu kriegen. Auf dem literarischen Instanzenweg dieses Abends jedenfalls muss der Versuch der Justiz notwendig scheitern, der Komplexität, der „Wahrheit“ von Verbrechen buchstäblich gerecht zu werden. Denn – auch wenn das die Schuldigen nicht sympathischer macht – sind Straftaten meist ein Spiegel der Gesellschafts- und Herrschaftssysteme, die mittels struktureller Gewalt die Täter und Taten hervorbringen. Dafür tritt Rezas Gerichtsprosa quasi in den Zeugenstand, indem sie sprechende Details mit einem Tonfall lakonischer Melancholie verschränkt.

Nora Schlocker hat den Abend gekonnt zurückhaltend eingerichtet. An der Uhr gemessen, macht sie kurzen Prozess, aber die 75 Minuten werden von vier Spitzen-Schauspielern mit dem Gewicht eines Plädoyers aufgeladen: Felix Klare, Juliane Köhler, Nicola Mastroberardino und Lea Ruckpaul legen eine Art sachliches Erstaunen in ihren Vortrag, wodurch all das Unausgesprochene hinter den Worten geradezu erdrückend gegenwärtig scheint – und das Mahlen der Justizmühle umso mehr als vordergründiges, aufgeblasenes Ritual decouvriert. Leicht beklommener, aber herzlicher Beifall.ALEXANDER ALTMANN

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am 19. Januar, 3. und 11. Februar;
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