Liebste Langschläferstimme

von Redaktion

Eine Ikone der deutschen Popmusik: Inga Humpe wird 70 Jahre alt

„Ich bin ein Mann“: Humpe mit den Neonbabies. © SFB

Hits im Duo: 2raumwohnung mit Tommi Eckart. © a. grosser

Die Humpe-Schwestern Inga (li.) und Annette 1983. © Imago

Lässigkeit am Mikro: Inga Humpe bei einem Auftritt. © Reiner Mroß

Inga Humpe muss das coolste Wesen im Universum sein, wie sie da 1982 auf der Berliner Waldbühne steht. Neonbabies heißt die Band, die sie und ihre ältere Schwester Annette ins Leben gerufen haben und die der Sender Freies Berlin für seine „Rocknacht“ engagiert hat. Humpe hat sich gelbe Streifen auf Arme und Stirn geklebt, trägt ihre kurzen blonden Haare zurückgekämmt, dazu ein schwarzes Tanktop, und singt „Ich bin ein Mann“ des Deutsch-Rock’n’Rollers Ted Herold. Mit maximaler Verachtung, als feministisches Statement. Der Look, die Langschläferstimme: Diese Frau ist damals schon ein Star.

Später hat Inga Humpe, die heute 70 Jahre alt wird, große Hits: „Codo“ – als Teil der Anarcho-Blödler DÖF. „36 Grad“ – im Duo 2raumwohnung. Ja, ein Star ist sie geworden – aber kein Name, den wirklich jeder kennt. Und das könnte, mit Verlaub und mit Hinblick auf so manchen mindertalentierten Kollegen, daran liegen, dass sie eben kein Mann ist.

Vielleicht aber auch daran, dass sie Coolness und Talent nicht allein gepachtet hat: Ihre Schwester Annette, die früh Songs komponiert und produziert, steuert mit „Blaue Augen“ ihrer Band Ideal den definitiven Hit zur Neuen Deutschen Welle bei. Oft treten die beiden als Tandem auf – Reibereien inklusive. „Wir sind halt Geschwister“, sagt Inga einmal dem „Berliner Kurier“. „Und als Zweitgeborene bin ich immer ein bisschen zu lässig in vielen Sachen und anscheinend immer darauf aus, der Erstgeborenen die Show zu stehlen.“

Die Humpe-Schwestern fliehen Ende der Siebziger aus der Kleinstadt Herdecke in Nordrhein-Westfalen nach Berlin. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten verpasst der jüngeren der beiden den Namen Inga Dilemma – sie lebt in einer WG in Schöneberg, ganz in der Nähe vom Club Dschungel, wo Leute wie Rio Reiser, Iggy Pop und David Bowie abhängen. In ihrer Autobiografie „Wir trafen uns in einem Garten“ schreibt sie, dass sie sich eigentlich der RAF anschließen wollte. „Das war zum Glück schnell vorbei.“ Die rebellische Geste der Punk-Bewegung zieht Humpe allerdings an – auch wenn der Künstler Martin Kippenberger sie als „Hertie-Punk“ schmäht. Zu hübsch, zu gefällig, zu poppig, soll das wohl heißen – und ist eigentlich eine Auszeichnung.

Nach den frühen NDW-Erfolgen tun sich die Schwestern als „Humpe & Humpe“ zusammen. Nach zwei Alben verkrachen sie sich fürs Erste – und doch ist es kein Wunder, dass sie beide unabhängig voneinander erneut Erfolg haben: Annette mit Ich + Ich, Inga noch viel mehr mit 2raumwohnung.

Inga Humpes Glück ist nach eigenem Bekunden die Techno-Bewegung der Neunziger, mit allem, was dazugehört. „Sampler wurden erschwinglich, man konnte am Rechner produzieren. Dadurch konnte der Sound, den wir dann für 2raumwohnung nutzten, ja überhaupt erst entstehen.“ So geistert ihre gaumige, ewig junge Mädchenstimme ab dem Jahr 2000 bald über sämtliche Sender, begleitet von ihrem Lebensgefährten Tommi Eckart: „Wir trafen uns in einem Garten, wahrscheinlich unter einem Baum. Oder war’s in einem Flugzeug? Wohl kaum, wohl kaum.“ Solche Tagträumer-Zeilen kann keine singen wie sie.

Neben dem Ruhm im Duo erarbeitet sich Humpe einen Ruf als „Legende des Berliner Nachtlebens“, wie die „Zeit“ einmal schreibt. Sie legt nach einem Auftritt von 2raumwohnung noch als DJ auf, um anschließend selbst über die Tanzfläche zu fegen.

Heute ist das viel zu anstrengend für die Frau, die von sich sagte: „In Berlin bin ich Weltstar.“ Doch mit dem Musikmachen aufhören will sie nicht – selbst wenn das letzte 2raumwohnung-Album nun schon fast neun Jahre zurückliegt. „Wo sind denn die Frauen meines Alters in der Öffentlichkeit? Ist doch kaum noch jemand da. Aber ich halte eisern dagegen.“JOHANNES LÖHR

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