Nur nicht museal sein: „Amadeus“ überzeugt im Deutschen Theater mit Tempo und Witz. © Anton Empl
Nicht das Genie steht hier im Mittelpunkt, sondern sein neidischer Zeitgenosse – Antonio Salieri. Peter Shaffers Theaterstück „Amadeus“ und der gleichnamige, mit acht Oscars ausgezeichnete Film von Miloš Forman aus dem Jahr 1984 machten diese Perspektive populär und Salieri als „Mozart-Mörder“ weltbekannt – historisch unhaltbar, dramaturgisch wirksam. Ein Gedankenexperiment über Genie, Neid und die Kränkung des Mittelmaßes.
Die Münchner Inszenierung im Silbersaal des Deutschen Theaters folgt dem Shaffer-Text weitgehend wörtlich und ergänzt ihn um Musik. Natürlich Mozart, dazu ein wenig Haydn und etwas Bach – ohne Orchester, getragen von einem elektronisch disponierten Klavierpart, den Ernst Bartmann, musikalischer Kopf der „Opera Incognita“, stilistisch sicher ausfüllt. Der klangschöne Chor der Opernkompanie ist dabei zentral eingesetzt und wird zum szenischen Akteur. So entsteht in der körperlich nachgezeichneten „Figaro“-Ouvertüre ein imaginäres Orchester, und „O Isis und Osiris“ aus der „Zauberflöte“ oder der versöhnende Schluss des „Figaro“ bilden Ruhepunkte in einem sehr feurigen Abend.
Denn ansonsten spitzt die Show meist furchtlos zu. Spätestens im Finale, wenn Falcos „Rock Me Amadeus“ erklingt und Salieri sich mit dem Rasiermesser die Kehle aufschlitzt, triumphiert die kalkulierte Überzeichnung. So kippt der Abend auf einer historisierten Bühne mit Perücken, Schnallenschuhen und Rokoko-Gestus immer wieder bewusst aus dem Musealen – und das tut ihm gut.
Zentrum bleibt dabei Salieri. Martin Schülke zeichnet ihn eindringlich als mittelmäßigen Künstler, der an seiner eigenen Redlichkeit verzweifelt und daraus Hass destilliert – bitter, humorig, zunehmend verzerrt. Der junge Mozart dagegen ist als Hosenrolle konsequent schrill angelegt: Helena May Heber spielt den Goldjungen im permanenten Erregungszustand, laut, überdreht. Das sorgt für Tempo und Witz, lässt aber auf Dauer eine andere Seite vermissen. Der ernste, verletzliche Mozart blitzt kaum auf – so wird die Überzeichnung, die zunächst trägt, irgendwann selbst etwas zum Problem. Als Ehefrau Constanze bleibt Carolin Ritter schauspielerisch vergleichsweise blass, setzt aber mit ihrem klar geführten, leuchtend klangschönen Sopran musikalische Höhepunkte.
Unter der Regie von Andreas Wiedermann ist „Amadeus“ so ein sehr amüsanter Abend – mit besonders starken Momenten immer dann, wenn er Salieris innere Verwüstung in den Mittelpunkt stellt. Doch wo Mozart mehr sein dürfte als ein schrilles Gegenbild, verschenkt die Produktion Potenzial. Gut unterhalten wird man trotzdem.WILLI PATZELT
Weitere Vorstellungen
am 16., 17. und 18. Januar;
Telefon 089/55 234 444.