„Theater ist eine Feier des Lebens“

von Redaktion

Schauspielerin Lisa Stiegler über ihr Debüt als Regisseurin mit Beauvoirs „Ein sanfter Tod“

„Es geht weniger um den Tod selbst als um das Weiterleben danach“, sagt die Schauspielerin Lisa Stiegler, die in einer Woche ihr Debüt als Regisseurin gibt. Sie inszeniert „Ein sanfter Tod“ von Simone de Beauvoir. © Joel Heyd

Seit sieben Jahren ist Lisa Stiegler im Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels. Für ihr Debüt als Regisseurin bringt die Schauspielerin „Ein sanfter Tod“ auf die Bühne. Simone de Beauvoir (1908-1986) setzt sich in dem 1964 erschienenen Text mit dem Sterben ihrer Mutter auseinander. Premiere ist am 23. Januar im Marstall des Residenztheaters – vorab trafen wir Stiegler zum Gespräch.

Sie sitzen hier auch als Stellvertreterin für Ihre Kolleginnen Barbara Horvath und Sibylle Canonica. „Ein sanfter Tod“ ist eine kollektive Arbeit. Was reizt Sie daran?

Das gemeinsame Arbeiten reizt mich. Wir haben trotzdem relativ früh im Probenprozess Aufgaben verteilt – es ist nicht so, dass alle alles gemeinsam entscheiden. Bei unserem Projekt „(Nicht)Mütter!“ war das ein wenig anders, da gab es ja keine Regieposition. Kollektives Arbeiten heißt für mich nicht, dass wir bei jeder Probe im Kreis sitzen und alles basisdemokratisch beschließen, sondern dass Idee und Entwicklung wirklich gemeinsam entstanden sind.

Was bedeutet das konkret für Sie als Regisseurin?

Es gibt zwar Entscheidungen, die treffe ich alleine, andere treffe ich gemeinsam mit den anderen, zum Beispiel mit Bühnenbildnerin und Kostümbildner. Die Idee, „Ein sanfter Tod“ auf die Bühne zu bringen, entstand gemeinsam. Jede von uns hat jeweils für sich entschieden, das zusammenzumachen – und nicht, weil es auf einem Besetzungszettel stand. Das hat eine andere Energie.

Worin zeigt sich das außerdem?

Zum Beispiel im Vorlauf. Wir wissen seit anderthalb Jahren, dass wir dieses Projekt zusammen machen wollen. Manchmal erfährt man als Schauspielerin drei oder vier Wochen vor Probenbeginn, dass man besetzt ist. Dann bleibt kaum Zeit, sich inhaltlich wirklich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, selbst wenn man das wollte. Hier war es anders: Unsere Reise begann lange vor dem ersten Probentag.

Wie sind Sie auf „Ein sanfter Tod“ gekommen?

Als wir Sartres „Die Fliegen“ geprobt haben, stand für mich „automatisch“ die Frage im Raum: Wo bleibt Simone de Beauvoir? Mich interessiert schon immer, ob und wie Frauen auf der Bühne vorkommen: Welche Stoffe werden erzählt, welche Autorinnen gespielt? Ich habe Andreas Beck (Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels; Anm. d. Red.) gefragt, ob er „Ein sanfter Tod“ kenne, und er meinte: Ja. Für mich ist der Abend eine Art thematische Fortsetzung von „(Nicht)Mütter!“, steht aber trotzdem für sich.

Inwiefern eine Fortsetzung?

Thematisch bleiben wir bei Mutter-Tochter-Beziehungen, beim Erinnern, beim Verarbeiten. Aber „Ein sanfter Tod“ ist kein dokumentarisches Rechercheprojekt. Es ist Literatur. Trotzdem geht es um Fragen, die uns alle beschäftigen: Wie lebt man weiter, wenn der zentrale Bezugsmensch wegbricht? Wer ist man dann noch? Simone de Beauvoir hat dieses Buch kurz nach dem Tod ihrer Mutter geschrieben. Ich glaube, es ist auch ein Verarbeitungsversuch. Es geht weniger um den Tod selbst als um das Weiterleben danach.

Es geht also auch um die Erinnerung. Welche Fragen stehen da im Zentrum?

Wer war diese Mutter eigentlich? Warum war die Beziehung so distanziert? Warum kamen sich ihre Töchter und sie erst in diesen letzten Wochen näher? Und: Bleibt man Tochter, wenn die Mutter stirbt – oder muss man sich neu definieren? Beauvoir stellt diese Fragen sehr ehrlich. Sie ordnet das Private auch gesellschaftlich ein. Das finde ich unglaublich komplex und berührend.

Was kann uns das Theater über den Tod erzählen?

Theater hat etwas Ritualhaftes. Es existiert nur im Moment, denn nach jeder Vorstellung ist es vorbei. Und irgendwann wird jede Inszenierung ein letztes Mal gespielt. Vielleicht ist Theater genau deshalb auch eine Feier des Lebens – weil alle gemeinsam in diesem Raum sind, jetzt.

Wie sieht für Sie ein „sanfter Tod“ aus?

(Denkt lange nach.) In meiner romantischen Vorstellung würde ich gerne in einem großen Garten sitzen, mit meinen liebsten Menschen um mich herum, und einfach einschlafen. Vielleicht beschäftige ich mich auch deshalb so intensiv mit dem Thema, um meine Ängste zu bewältigen: vor dem Tod meiner Eltern, vor dem eigenen Tod. Obwohl das Thema (noch) nicht in meinem Leben ist, möchte ich es zu mir einladen, statt es zu verdrängen. Je weiter man es von sich wegschiebt, desto größer wird es. Man kann sich nicht auf den Tod eines geliebten Menschen vorbereiten, Beauvoir schreibt: „Der Schlag war so brutal, als wären wir nicht auf ihn gefasst gewesen.“ Es vorauszusehen bedeutet eben nicht, es auch zu wissen.

Warum haben Sie sich entschieden, diesmal nicht selbst auf der Bühne zu stehen?

Ich habe bemerkt, dass ich nicht gleichzeitig spielen und das Spiel von außen beschreiben kann. „Ein sanfter Tod“ ist ein großer Text, eine Uraufführung, und ich hätte es überheblich gefunden, zu denken, ich könnte dem gerecht werden, indem ich gleichzeitig spiele und Regie führe.

Der Abend ist Ihr Regiedebüt. Planen Sie den Seitenwechsel?

Nö. Ich will spielen, das ist mir ganz wichtig. Ich hatte immer Respekt vor dem Spielen – der ist jetzt nochmals gewachsen. Ebenso wie vor der Arbeit der Regieführenden. Ich feiere es gerade einfach sehr, dass ich beides machen darf.

Premiere

ist am 23. Januar, weitere Vorstellungen am 29. Januar, 6. Februar;
Telefon: 089/21 85 19 40.

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