Dirigent Paavo Järvi © Kaupo Kikkas
So weit sie historisch auseinanderliegen mögen: Mozart wie Bruckner schreiben große Sinfonien im Bewusstsein eines größeren Zusammenhangs. Nichts ist hier bloßes Ereignis, alles zielt auf Dauer und Transzendenz. Genau dieser Anspruch verbindet Mozarts Sinfonie Nr. 38 („Prager“) und Bruckners Vierte an diesem Abend mit den BR-Symphonikern in der Isarphilharmonie – und genau hier verfehlt Dirigent Paavo Järvis Zugriff sein Ziel, wenn auch auf jeweils unterschiedliche Weise.
Schon den Beginn der „Prager“ nimmt der Finne erstaunlich unverbindlich. Die ausgedehnte Adagio-Einleitung des ersten Satzes vergeht, ohne dass sich ein größerer Raum öffnet oder Spannung bündelt. Und auch sonst ist dieser Mozart überwiegend korrekt, gepflegt, sauber phrasiert. Viel Aufmerksamkeit gilt Binnenphrasierung und einem transparenten Kontrapunkt, doch eine übergeordnete Architektur stellt sich kaum ein. Es wird artig musiziert, in der Aussage jedoch beliebig.
Bei Bruckners Vierter kehrt sich das Bild um. Was bei Mozart folgenlos bleibt, wird hier frontal. Der erste Satz ist sehr schnell genommen, ohne Scheu vor Effekt und Lautstärke; früh nimmt der Finne die obere akustische Grenze der Isarphilharmonie ins Visier. Dabei ist dieses „Höher, schneller, weiter“ beim Erzkatholiken Bruckner kein Selbstzweck: Es dient dazu, in großer Form in die Tiefe zu führen, Spannung zu bündeln, den Raum nach innen zu öffnen. Bei Järvi aber bleibt es beim Äußeren. Die Steigerungen treiben nach oben, nicht nach innen.
Im zweiten Satz lassen die Bratschen mit ihren wiederkehrenden Gruppensoli dann doch einen transzendenten Ton aufscheinen. Solche überzeugenden Momente gibt es einige. Doch sie stehen nebeneinander, ohne zu einem tragenden Bogen verbunden zu werden. Das Scherzo behauptet rhythmische Energie, bleibt jedoch konzeptionell funktional; im Trio, dem Ländler, fehlt jedes oberösterreichisch Liebevolle. Das Finale schließlich wird erneut von Tempo und Lautstärke bestimmt – ohne dass sich daraus eine wirklich apotheotische Zuspitzung ergäbe.
Zu direkt, zu unsinnlich, ja zu sehr im Menschlichen verhaftet ist Järvis Bruckner: mehr protestantischer Wortgottesdienst als eucharistische Anbetung. In die große Tiefe führt diese Vierte nicht.WILLI PATZELT