Der Künstler als junger Mann im Café Giesing und sein heutiger Wirkungsbereich: die zwölf Quadratmeter große Musikschule „Klavierseele“. © Markus Götzfried, Sigi Jantz
„Pass auf, jetzt kommt’s: Oliver Ringleb versteht es, andere fürs Klavierspielen zu begeistern. © Markus Götzfried
Die Isar ist an der Kirchenstraße oben in Haidhausen eigentlich nicht zu hören. Und doch dringen ihr Plätschern, ihr Strömen, ihr Brausen ganz deutlich durch ein Schaufenster, über dem „Klavierseele“ steht. Drin sitzt ein kahl rasierter Mann an einem Flügel. Beide ganz in Schwarz. Oliver Ringleb lässt mit geschlossenen Augen die Hände über die Tasten gleiten – da: eine Stromschnelle! Die Rechte verzögert, während die Linke die Melodie stoisch fließen lässt. „Along the River“ heißt das Stück. Als die Noten, zu Beginn munter hüpfend und perlend, am Ende in ruhigen Gewässern mündend, verklungen sind, nimmt der 58-Jährige die Anerkennung des hereingeschneiten Zuhörers mit breitem Schmunzeln entgegen. „Ich liebe die Isar, ich bin da aufgewachsen“, sagt der gebürtige Harlachinger. „Und ich komponiere am liebsten über Themen, die ich selbst erlebt habe.“
Oliver Ringleb ist professioneller Musiker in München. Einer von tausenden. Hochtalentiert, hervorragend ausgebildet, gestartet mit großen Träumen. Heute teilt er seine Woche auf in die Tage, an denen er im Studio arbeitet, und die überwiegende Zeit, in der er Unterricht gibt. Die „Klavierseele“, genau gegenüber vom Haidhauser Friedhof, ist seine Musikschule. Von den Verkäufen seiner eigenen Musik leben, das könnte er nie, sagt er.
Aber: Sollte das nach einem Scheitern klingen, belehren einen Ringlebs Augen eines Besseren. Die blitzen schalkhaft auf, als er von seinen selbstgeschriebenen Unterrichtsbüchern erzählt – ein Blick, der sagt: „Pass auf, jetzt kommt’s!“ Klavierschülerinnen sind in der Pubertät anders als die Jungs („die werden halt faul“) – sie sind von dem Standardmaterial komplett gelangweilt. Also komponierte er einfach zwölf Songs speziell für Mädchen, mit Titeln wie „Einhorngalopp“ oder „Chill mal, Mama“. Pass auf, jetzt kommt’s: Der renommierte Verlag Friedrich Hofmeister in Leipzig riss ihm das Heft aus den Händen, genau wie zwei weitere mit Ringlebs Kompositionen. „Ich kann nicht anders: Ich motze nicht rum, wenn es Schwierigkeiten gibt. Ich mache einfach.“
So habe er mit der Musik überhaupt erst angefangen – es sei wie ein Zwang gewesen. „Ich habe mit 16 das Gymnasium abgebrochen, ich musste einfach Musik machen, es gab nichts anderes.“ Im gutbürgerlichen Harlachinger Elternhaus kam diese Entscheidung nicht gerade gut an, wurde aber toleriert. Der junge Oliver nahm drei Jahre lang intensiv privaten Unterricht, studierte dann an der neuen Jazzschool München Klavier, Gesang sowie Komposition und Arrangement.
Natürlich ist eine Karriere auch immer Glückssache – aber Ringleb will nicht behaupten, dass er zu wenig davon gehabt hätte. Ein Blick auf das Bild, das in einem Eck der „Klavierseele“ hängt, und die Augen blitzen wieder: Als junger Kerl ist er da zu sehen, mit vollem Haar. „Das war im Café Giesing. Dort sind wir oft aufgetreten. Konstantin Wecker, der das betrieb, hat uns sehr unterstützt.“ Eine Münchner Rechtsanwaltskanzlei förderte ihn zudem im Rahmen eines Künstlersponsorings.
1995 gründete Ringleb die Party-Band Soulkitchen mit, die heute noch auf Galas in ganz Europa auftritt. 1500 Shows im In- und Ausland hat er gespielt. „Klar, der Moment kommt, wo du sagst: Ich werde kein Star, der nächste Herbie Hancock bin ich nicht.“ Aber pass auf, jetzt kommt’s: Bei After-Show-Partys von Christina Aguilera, Bryan Ferry, den Scorpions aufzutreten und von den Bands für die eigene Show Respekt zu bekommen, das ist doch auch nicht schlecht, oder? Ringleb ist in der Studio-Szene gut vernetzt. „Wenn die Werbeagentur von McDonald’s anruft und sagt, wir bräuchten auf der Stelle ein Rock’n’Roll-Piano für den 55er-Burger, dann mache ich das.“
Er komme gut über die Runden – aber für den Musiker-Nachwuchs werde es immer schwieriger. „Die spielen auf Top-Niveau. Aber hier in München bekommen wir immer mehr Zustände wie in New York: drei Nebenjobs und jedes Auftrittsangebot annehmen.“ Er selbst hatte das Glück, eben nicht alles machen zu müssen: „Ralph Siegel wollte mal, dass ich bei der Gruppe Wind einsteige. Das wäre sicher lukrativ gewesen. Aber mein Leben lang ‚Lass die Sonne in dein Herz‘ zu spielen, das hätte ich nicht übers Herz gebracht.“
Dann lieber Jugendliche unterrichten. Das habe er schon mit 18 Jahren getan, betont Ringleb. „Und eigentlich gibt es nichts Schöneres.“ Das Wichtigste, und jetzt blitzen seine Augen wieder: „Das Wichtigste ist, die Schüler haben Bock.“ Und dafür sorgt der Vater von drei Kindern schon. Pass auf, jetzt kommt’s: „Mein neues Projekt ist ein Buch mit Stücken, die ich gemeinsam mit meinen Schülern geschrieben habe.“ Von Jazz über Kinderlieder bis zu klassischer Musik. „Ich will zeigen: Schaut, wie gut die sind. Sie gehen ihren Weg.“JOHANNES LÖHR