Robbie rockt

von Redaktion

Williams überrascht mit „Britpop“

Reiseleiter Robbie Williams nimmt uns mit in die glorreiche Vergangenheit. Auf seinem neuen Album hat er zu alter Stärke zurückgefunden. © Jason Hetherington

Wird jetzt gebusselt, oder was? Das ist die große Frage, die sich nach dem ersten Anhören von Robbie Williams’ neuem Album stellt. Der ewige Pop-Stenz hat am Freitag überraschend sein lange erwartetes Werk „Britpop“ auf den Markt geworfen. Und darauf macht er der größten Britpop-Ikone Avancen: „Morrissey“ heißt der Song, nach dem Sänger der legendären Smiths. „I love you for the Rest of my Life“, schmachtet Robbie. Neulich spielte er das Lied live und meinte: „Vielleicht werde ich für Morrissey schwul.“

Keine Sorge, Ladys. Robbie macht nur Spaß. Wobei, die Sache hat ja eine Vorgeschichte: Morrissey – ein Homoerotiker vor dem Herrn – bat Robbie Williams einst, ihn auf der Bühne zu küssen. „Wie Britney und Madonna“ 2003 bei den MTV Awards, also mit Zunge und allem Pipapo. Das verriet er 2017 in seiner Autobiografie. Obwohl der Bühnenkuss nie stattfand, antwortete Williams schon damals, er sei „total scharf darauf“ gewesen, und versicherte: „Ich hätte ihn zu Boden gerungen und dominiert.“

Sagen wir mal so: Die Turteltauben behalten wir im Auge. Jedenfalls ist der Song ein flott-melancholisches Elektropop-Stück im Stil der Pet Shop Boys – und schlägt ein wenig aus der Art. Denn Robbie rockt auf „Britpop“ wie selten zuvor. Beim Eröffnungslied „Rocket“ bolzt Black-Sabbath-Gitarrist Tony Iommi ein Stakkato-Riff, so wie er einst zu „Paranoid“ Ozzy Osbourne Beine machte. Und Williams singt: „What a Time to be alive. I wanna be a Rocket.“

Solche euphorischen Zeilen wirken einigermaßen aus der Zeit gefallen, wo es doch gerade kriselt an allen Ecken und Enden. Sie sind aber auch nur ein Echo der Vergangenheit, denn die möchte Robbie Williams hier heraufbeschwören. Den Optimismus des „Cool Britannia“ der Neunziger, als er selbst als Enfant terrible von Take That und als Solo-Entertainer seine großen Jahre hatte. Auf dem Cover trägt er den roten Trainingsanzug vom Glastonbury-Festival anno 1995. Williams war schon immer ein Retro-Künstler, der die großen Pop-Emotionen zitierte, nach dem Motto „Aufgewärmt schmeckt’s noch besser“.

Und diesmal mundet’s wirklich so gut wie lange nicht in Robbies Küche. Vielleicht, weil wir uns selbst nach ein wenig Unbeschwertheit sehnen? Die Speisekarte ist breit aufgestellt: In „Spies“ erkennen wir das schleppende Gitarrenmotiv von Coldplays „Yellow“, im ruppigen Rap von „Bite Your Tongue“ und „You“ klingt der New-Wave-Poet John Cooper Clarke durch. „Pretty Face“ ist dann wieder der hymnische Stadionrocker, den die Fans von Robbie wollen, und in „All my Life“ und „It’s ok until the Drugs stop working“ legt unser liebster Pop-Hochstapler seine Beichte ab – inklusive „Angels“-Selbstzitat, zwinker, zwinker.

Im schönsten Song, der Ballade „Human“, die er mit Jesse & Joy singt, schaut Williams dann doch in die Zukunft – eine Zukunft geprägt von Technik, chemischen Stimmungsaufhellern und der Vermeidung aller Laster, in der das Menschsein und Sich-Lebendig-Fühlen bloße Erinnerung sind. Wollen wir so leben? Niemals! Dann doch viel lieber mit Robbie in die Vergangenheit reisen – und vielleicht sogar Morrissey busseln.JOHANNES LÖHR

Robbie Williams:

„Britpop“ (Columbia).

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