Ein starkes Trio in vielerlei Hinsicht (v. li.): Annette Paulmann, Jelena Kuljić und Katharina Bach. © Armin Smailovic
Schmerzhaft und schön kann sie sein. Brutal und beglückend: Die Suche nach dem richtigen Leben im falschen. Die Münchner Kammerspiele beleuchteten diese am vergangenen Wochenende mit zwei unterschiedlichen Produktionen. Bevor am Samstag im Schauspielhaus eine Holzpuppe sich daran machte, ein „echter Junge“ zu werden (siehe Kritik oben), feierte am Freitag in der Therese-Giehse-Halle „Love me tender“ nach dem Roman von Constance Debré Premiere.
Die Autorin, 1972 in Paris geboren, arbeitete einst als Anwältin, ziemlich erfolgreich. Dann gab sie die Karriere zugunsten des Schreibens auf, verließ Mann, Kind und alle Sicherheiten – für eine völlig unabhängige Existenz. Das spiegelt Debré autofiktional in „Love me tender“. Ihre Protagonistin stählt sich beim Schwimmtraining, vögelt sich durch die lesbische Community – und verliert ihren Sohn Paul: Ihr Ex wirft ihr Inzest und Pädophilie vor. Anschuldigungen bar jeglicher Wahrheit, doch das Verfahren zieht und zieht sich. Zugleich weiß die Erzählerin jedoch: „Ich konnte nicht ich sein, wenn Paul da war.“ Ein schier unaushaltbares Dilemma. Das Buch, vor zwei Jahren auf Deutsch erschienen, ist wie ein uneleganter Boxkampf: ohne Energie nutzlos zu vergeuden, direkt auf die Zwölf. Felicitas Brucker macht daraus ein genauso gradliniges Körpertheater, das allerdings tiefer in die Emotionen der Protagonistin eintaucht.
Viva Schudt hat eine Bühne gebaut, die an eine nüchterne Sporthalle, eher noch an einen Raum für Studien und Experimente erinnert. Kein Wunder, dass frau sich „wie eine Laborratte“ fühlt. Nichts verstellt hier den Blick, vielmehr wird er durch drei große Flatscreens intensiviert. Tageslichtstrahler leuchten die Szenerie erbarmungslos aus.
Schwarz und Weiß dominieren auch die Kostüme (ebenfalls: Schudt) – keine Graustufen, die ein Nebeneinander unterschiedlicher Lebensentwürfe symbolisieren würden. Ein riesiges Pendel aus Neonröhren zeigt über der Bühne vieles an: das Zerrinnen der Zeit, das Schwanken zwischen den Rollenklischees, in die eine Gesellschaft gepresst zu sein scheint.
Annette Paulmann, Jelena Kuljić und Katharina Bach gehen das Tempo, die Körperlichkeit mühelos mit, unter die Brucker ihre Inszenierung setzt. Wo dem Text aufgrund der Wiederholungen die Puste auszugehen droht, schlagen diese drei Schauspielerinnen, die auch als Sängerinnen überzeugen, stets neue Funken aus der Vorlage. Sie gestalten Debrés Alter ego – sowie mit ein paar Änderungen in Haltung, Mimik, Duktus auch den Ex, den Sohn, die diversen Geliebten – hart, herzlich und individuell. MICHAEL SCHLEICHER
Nächste Vorstellungen
am 20., 27. Januar sowie
am 17. und 19. Februar;
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