Stoff, aus dem Träume sind

von Redaktion

„Pinocchio“ der Truppe Moved by the Motion an den Kammerspielen

„Was ist das für ein Tier?“, wird bei der Premiere geflüstert. „Ein Vogel“, antwortet die Mama. „Aber ich weiß nicht welcher.“ Wir stellen vor: die Amsel (Konstantin Schumann, re.), die Schnecke (Nadège Meta Kanku), die Pinocchio (Tosh Basco) – und natürlich auch uns – durch diese wunderbare Geschichte begleiten. © Julian Baumann

Am Ende tost der Applaus dann für manchen kleinen Gast doch zu laut. Aber man kann sich ja die Ohren zuhalten – und dennoch begeistert sein. Der Jubel am Samstag in den Kammerspielen hat einen guten Grund: Die München-Premiere von „Pinocchio“ nach der Fortsetzungsgeschichte von Carlo Collodi aus dem Jahr 1881 ist baumstark. Darin sind sich jüngere wie ältere Menschen im Schauspielhaus an diesem Nachmittag absolut einig.

Eines vorweg: Was in diesen 75 Minuten geschieht, ist kein Kindertheater, sondern vielmehr Bühnenkunst für alle, die eben auch Kinder wohltuend ernst nimmt. Das Theater empfiehlt den Besuch ab acht Jahren, was recht konservativ ist. Der Autor dieser Zeilen saß bei der Premiere zufällig neben einer deutlich jüngeren Besucherin, die es vor Faszination kaum auf dem Stuhl gehalten und die sich bei den wenigen düsteren Momenten vertrauensvoll an die Mama gewendet hat.

Diese „fantastische Abenteuerreise“ ist eine Produktion des Kunstkollektivs Moved by the Motion, das 2013 in Los Angeles gegründet wurde und interdisziplinär arbeitet. „Pinocchio“ entstand vor drei Jahren in Kooperation mit dem Schauspielhaus Zürich. Die Grundmotive der Geschichte hat die Truppe beibehalten, aber elegant und nachvollziehbar ans Heute angeglichen.

Regisseurin Wu Tsang hat den Spaß jetzt für München frisch angerichtet – unter anderem mit Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem Ensemble der Kammerspiele. Zum Beispiel mit Nadège Meta Kanku und Konstantin Schumann, die uns als Schnecke und Amsel durch diese Geschichte geleiten: charmant, mit Witz, in herrlichen Kostümen, mit animalischen Bewegungen und ohne sich je anzubiedern. Irgendwann stellen die beiden fest, dass sie ja nur Nebenfiguren seien. Das ist allerdings Quatsch – ohne diese Erzählerin, ohne diesen Erzähler wäre der Abend nur halb so schön. Das gilt auch für den stets wandelbaren Stefan Merki, der hier als Geppetto den Buben aus Holz schnitzt.

„Pinocchio“ erwacht zum Leben – das ist das Verdienst nicht nur des Ensembles, sondern aller Gewerke des Theaters: der Bühne, des Lichts, der Musik, der Kostüme, der Animation, der Videokunst et cetera, et cetera. Ach, sehen Sie bitte einfach selbst. Und lassen sich verzaubern. MICHAEL SCHLEICHER

Nächste Vorstellungen

am 6., 7. und 28. Februar;
Telefon 089/ 233 966 00.

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