Bei „Stripping Bolero“ zu Maurice Ravels Komposition zählt nicht das Geschlecht, sondern nur der Mensch in seiner spielerischen Freude, seiner fantasievollen Beweglichkeit. © Julian Baumann
„Stripping Bolero“ – was für ein theatraler Schlachtruf! Auch wenn dieser aus dem Englischen entlehnte Begriff eine ganze Reihe von Bedeutungen hat, meint er hier doch wohl „Runter mit den Kleidern“. Uns scheint dieser Titel eine Aufforderung zu einer akzeptierten Einheit, einer Gleichheit der Menschen: ob männlich, weiblich oder unentschieden. Ob fit oder körperlich beeinträchtigt. Anhaltender Applaus im kooperierenden Münchner HochX für das Leitungs-Duo Carolin Jüngst und Lisa Rykena und ihre theaterfachlich so vielseitige Crew.
Nach der Einführung im Foyer ist man unmittelbar hineingesogen in dieses Spiel zwischen surrealistischer Pantomime, Akrobatik und Schritten und Gesten aus dem Ballettvokabular. Zu entdecken ist sogar eine wie hingewehte „Schwanensee“-Anspielung.
Ganz wichtig: Auf einer erhöht über der Bühne angebrachten Tafel erscheinen schriftliche Mitteilungen. Zugleich informiert aus dem Off eine weibliche Stimme. Es ist also bühnentechnisch alles für seh- und hörbehindertes Publikum eingerichtet.
Das Erstaunliche dabei: Das gesamte Bühnengeschehen entwickelt sich harmonisch, und dies ohne logische Handlung. Man muss sich einfach hineinfallen lassen in das von Maurice Ravels „Bolero“ vorangetriebene, durchaus auch mal erotische Spiel der drei Akteure: Das ist der malaysische Choreograf und Performer Reymond Liew Jin Pin. Als Absolvent der Folkwang Universität der Künste kann er hier sein breites, auch klassisches Bewegungsvokabular entfalten. Der hochgewachsene gehörlose Schauspieler und Dramaturg Emil Leske aus Hamburg führt, meist eng am Körper, seine höchst differenzierte Gebärdensprache vor. Und Lisa Rykena, die Co-Leiterin des Ensembles, glänzt mit hochelastischen Bewegungsfiguren. Alle drei wirken gewollt sexuell neutral. Rykena, wenn auch mit weiblichen Konturen, trägt Glatze. Hier zählt nicht das Geschlecht, sondern nur der Mensch in seiner spielerischen Freude, seiner fantasievollen Beweglichkeit. Zu begrüßen ist, dass dieses Ensemble von der Stadt Hamburg und dem Münchner Kulturreferat unterstützt wird.MALVE GRADINGER