Die gefeierte Autorin Lidia Yuknavitch. © Penguin
In ihrer Heimat ist die US-Autorin Lidia Yuknavitch schon lange als literarische Ausnahmeerscheinung bekannt, ihre 2011 erschienene Autobiografie „In Wasser geschrieben“ hat eine Art Kultstatus erreicht. Trotzdem hat es fünf Jahre gedauert, bis ihr erster Kurzgeschichtenband ins Deutsche übersetzt wurde. Dass er nun – unter dem Titel „Schläge“ – bei btb erschienen ist, hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Verfilmung von „In Wasser geschrieben“ im vergangenen Jahr viel positive Aufmerksamkeit erhalten hat.
Yuknavitch ist nicht nur für ihre bisweilen krasse Sprache bekannt, auch die Schonungslosigkeit ihrer Schilderungen zeichnet sie aus. Die Geschichten in „Schläge“ bilden da keine Ausnahme, wobei die deutsche Übersetzung des Titels zumindest eine kleine Irritation hervorruft. Im Original heißt der Band „Verge“, also ungefähr Rand oder Grenze, und treffender könnten die 21 Erzählungen kaum betitelt sein. Denn die Figuren befinden sich in vielerlei Hinsicht in Grenzgebieten.
Einige überschreiten tatsächliche Grenzen, wie die beiden geflüchteten Schwestern, die in einem überfüllten Boot in Richtung Griechenland schippern, als mitten auf dem Meer der Motor zu stottern beginnt. Andere machen Grenzerfahrungen mit Drogen, Alkohol, sexuellen Eskapaden, wie das Mädchen, das regelmäßig mit wahllos ausgewählten Insassen des Gefängnisses in ihrer Nachbarschaft schläft. Und immer wieder geht es um die Grenzen des eigenen Körpers, die von den verschiedenen, meist weiblichen Figuren ausgelotet werden. Was ist ein Körper zu erdulden in der Lage – im Drogenrausch, im Überlebenskampf, im Ringen um Lust und Erfüllung?
Überhaupt, die Körper. Sie sind omnipräsent in Yuknavitchs Erzählungen, wichtiger noch als das Innenleben der Figuren ist ihre körperliche Erfahrungswelt. Sehr explizit geht es da um Sinneswahrnehmungen, Körperflüssigkeiten, Funktion und Verfall, Schmerz. Lidia Yuknavitchs Werk ist keine leichte Lektüre, sicherlich nicht. Wer sich aber darauf einlässt, kann mit jeder Geschichte deutlicher den dünnen Schirm erkennen, der die bürgerliche Anstandswelt von einer parallelen Wirklichkeit trennt.JOHANNA SCHULTHEISS
Lidia Yuknavitch:
„Schläge“. Erschienen bei btb, 208 Seiten; 14 Euro.