Ganz loswerden wird man das Schubladendenken in der klassischen Musik wohl nie. Das bekam bereits Erich Wolfgang Korngold zu spüren. Denn nach seinen Hollywood-Erfolgen im erzwungenen Exil dauerte es lange, bis ihm die großen Orchester auch diesseits des Atlantiks wieder seinen Platz zurückgaben. Dass er im Konzertsaal bestens bestehen kann, zeigte sich auch wieder bei den Münchner Philharmonikern.
Die eröffneten ihr aktuelles Programm in der Isarphilharmonie mit jener Suite, die aus dem Soundtrack zu „Devotion“ destilliert wurde. Der Film selbst war 1946 ein Flop. Was man aber wohl eher der Regie anlasten muss als der emotionsgeladenen Musik Korngolds, an deren Qualitäten Dirigent Wayne Marshall selbst in der kompakten Sieben-Minuten-Fassung wenig Zweifel ließ.
Vor diesem Hintergrund scheint es fast schade, dass man auch den britischen Dirigenten oft nur dann ans Pult lädt, wenn es um anglo-amerikanische Komponisten des 20. Jahrhunderts oder anspruchsvolles Crossover geht. Andererseits zeigte sich wieder einmal, dass Marshall gerade für dieses Repertoire ein gutes Händchen hat. Etwa für Leonard Bernsteins „Fancy Free“, wo die Bläser beim Abstecher in den Jazz-Keller hörbar Freude daran hatten, es auch mal ein weniger dreckiger rasseln zu lassen.
Bestens aufgehoben war beim gelernten Kirchenmusiker Marshall auch das von seinem US-Dirigentenkollegen Leonard Slatkin komponierte „Kinah“. Eine Hommage an Slatkins Eltern, die in den 1940ern als Solo-Geiger und -Cellistin an berühmten Hollywood-Soundtracks mitwirkten. Gleichzeitig gibt es Anklänge an die im Titel heraufbeschworenen hebräischen Trauergesänge. Hier mit Theo Mackeben einen später entnazifizierten Komponisten der „Gottbegnadeten-Liste“ gegenüberzustellen, hatte durchaus Reibungspotenzial.
Und zweifellos wäre das Korngold-Cellokonzert wohl eine bessere Wahl gewesen. Selbst, wenn sich Mackebens 1946 entstandene „Sinfonische Ballade“ ebenfalls in Richtung Hollywood streckt und Solo-Cellist Floris Mijnders so Gelegenheit gab ein breites Klangspektrum auszuloten.TOBIAS HELL